Böse Fatmas leben länger

Teil 1:
Meine Oma Fatma…

Eine Oma zu haben ist nichts besonderes, schließlich hat jeder eine Oma, meistens sogar zwei und manchmal auch drei und mehr. Aber nicht jeder hat eine Oma Fatma. Nicht das sie jetzt denken, dass ich mich darüber freue, ganz im Gegenteil.

Wann meine Oma Fatma geboren wurde weiß niemand so genau. Die einen sagen, dass sie früher Mammuts gejagt hat. Andere behaupten, sie war Augenzeugin bei der Kreuzigung Jesus. Und ich sage so um 1900.

Was aber alle genau wissen ist, dass meine Oma Fatma nicht nur eine der ältesten Frauen der Welt ist, sondern auch eine der bösesten. Nun könnte man meinen, dass sie mit dem Alter so unfassbar fies geworden ist, aber aus diversen Erzählungen von Zeitzeugen, aus Krankenakten von Betroffenen und aus den Inschriften auf Grabsteinen weiß ich, dass sie schon immer böse war. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie die Lehrerin von Diktatoren wie Hitler, Gaddafi, Stalin und Mao war.

Meine Oma Fatma wurde wie gesagt irgendwann Anfang des vorletzten Jahrhunderts im Macardorf geboren. In diesem malerischen Örtchen am Mittelmeer, südlich von Alanya, erwartet man keine bösen Fatmas. Aber sie ist da. Sie herrscht da. Sie verbreitet Angst und Schrecken. Oma Fatma hat ihr Dorf nie verlassen. Warum auch? Dort hat sie alle unter Kontrolle, sie hat Macht über jeden und jeder kennt sie, jeder fürchtet sie.

Ich weiß nicht viel über Oma Fatma. Von ihren Eltern kenne ich nur die Namen und weiß, dass sie gute Menschen gewesen sein müssen, denn sie starben früh. Auch ihre beiden Schwestern segneten das Zeitliche in jungen Jahren. Ich weiß nicht inwiefern meine Oma mit ihrem Tod zu tun hat. Mich würde es wundern, wenn sie nichts dazu beigetragen hat.

Weil meine Oma weder hübsch, noch liebenswürdig, noch irgendwelche anderen positiven Eigenschaften hatte, fand sie keinen Ehemann bis sie Mitte zwanzig war. Das einzige, was man an ihr schätzte war ihre Geschwindigkeit. Sie machte alles sehr schnell. Kochen, putzen, Kühe melken, Gurken ernten, eben alles. Deshalb wird sie auch “die flinke Fatma“ genannt. Das einzige, worin sie langsam, aber nicht erfolglos war, war bei der Mannessuche. Doch mein Opa Veli hatte Pech und heiratete sie. Er war Lehrer in der Dorfschule und unterrichtete alle Kinder in allen Fächern und brachte ihnen nichts bei. Das Dorf ist voll mit exzentrischen, verängstigten Menschen; denn Oma Fatma und Opa Veli waren das perfekte Alptraumpaar. Er war nämlich fast genauso bösartig wie sie, nur anders. So lebten sie lange glücklich zusammen und machten erst den anderen Menschen das Leben zur Hölle und irgendwann sich selbst. 1991trennte ein tragisch- komischer Wassermelonenlasterunfall Opa Veli von Oma Fatma. Er starb und alle freuten sich, aber Oma Fatma sorgte dafür, dass die Freude nicht lange hielt. Sie wurde einfach doppelt so böse, damit auch ja keiner die Bösartigkeiten von Opa Veli vermisste.

Niemand mag Oma Fatma. Wirklich niemand. Und Oma Fatma mag auch niemanden. Nicht ihre sieben Kinder, auch nicht ihre einundzwanzig Enkelkinder und schon gar nicht ihre vielen Urenkel. Oma Fatma mag nur Geld. Türkische Lira, aber auch gerne Euros, Dollars und diverse andere Währungen. Am liebsten mag sie das Geld, das sie von ihren ungeliebten Kindern und Enkeln bekommt, weil sie der Meinung ist, dass sie als liebevolle Großmutter von allen mit Geld überschüttet werden muss.

Ich sehe meine Oma immer, wenn ich Heimaturlaub mache. Jedes Mal, wenn ich in der Türkei bin besuche ich sie. Sie fragt mich als erstes wie viel ich gerade so verdiene. Ich nenne ihr immer die Hälfte der tatsächlichen Summe. Dann rechnet sie schnell im Kopf den Eurobetrag in türkische Lira um, zieht die vierhundert Euro ab, die ich für meinen luxuriösen Lebensstil brauche und sagt mir, wie viel ich ihr jeden Monat schicken müsste. Und was für ein Miststück ich bin, weil ich es nicht tue. So beschimpfen wir uns eine Weile, dann umarme ich sie, drücke ihr ein paar Lira in die Hand und verabschiede mich von ihr, mit dem hoffnungsvollen Gefühl, sie nie wieder lebendig zu sehen. Und das schon seit über zwanzig Jahren.

Candan Six-Sasmaz

Detaillierte Post auf SABAH AVRUPA – Die Türkische Tageszeitung.

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