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60 Jahre Migration und Arbeitskämpfe: 50 Pfennig mehr! 

60 Jahre Migration und Arbeitskämpfe: 50 Pfennig mehr! 

Sidar Carman

Wir spulen die Zeitrolle ins Jahr 1973 zurück. Wir befinden uns in den Hallen des Automobilzulieferers Hella Werke in Lippstadt. Hunderte Arbeiterinnen und Arbeiter montieren im Takt die vom Arbeitgeber vorgegebene Stückzahl von Scheinwerfern für Autos wie VW Käfer, Ford oder Audi. Die meisten, die in der Produktion arbeiten, sind die sog. Gastarbeiter – meist zehn Stunden an fünf Tagen in der Woche. Es sind viele Frauen, die wegen ihrer Geschicklichkeit und Fingerfertigkeit bei den Arbeitgebern beliebt sind. Besonders migrantische Arbeiterinnen bleiben in den billigen Leichtlohngruppen verharren, ohne Aussicht auf bessere Bezahlung trotz gleicher Arbeit. Die boomende Wirtschaft stagniert und treibt die Inflation hoch. Als noch bei Hella die deutschen Facharbeiter eine Teuerungszulage erhalten, entzündet sich der Unmut zum Protest. Der Geduldsfaden ist gerissen. Es entsteht, was unvermeidbar wird. Am 16. Juli 1973 rufen die Gastarbeiter der Hella Werke den Streik aus. 

Eine der Streikenden ist Irina Vavitsa, die 1971 bei den Hella-Werken ihre Schicht antrat und einige Jahre später zusammen mit Tausenden Arbeitskollegen und –kolleginnen ihrem Unmut Luft macht. Irina ist heute 71 Jahre alt, Mitglied bei der IG Metall und dort besonders aktiv im Bereich Frauen und Migration. Sie ist in Taskent/Usbekistan als Tochter griechischer Eltern geboren, die als politisch Verfolgte in die ehemalige Sowjetunion flohen. Zu ihrem außergewöhnlichen Geburtsort sagt Irina: „Ich bin froh in einem Land geboren zu sein, in der die Herkunft, das Geschlecht, die Hautfarbe, die Religion keine Rolle spielt. Hunderte Nationalitäten haben friedlich zusammengelebt.“ Ihre Familie zieht 1967 mit der Hoffnung auf ein sichereres Leben nach Griechenland zurück. Doch das Gegenteil passiert. Das Militär putscht sich an die politische Macht und treibt sie und ihren Ehemann schließlich 1971 nach Deutschland.  

Arbeiten bei Hella

Bei Hella arbeiten zu dieser Zeit rund 3.500 migrantische Arbeiter aus vier Entsendeländern: Italien, Griechenland, Spanien und dem ehemaligen Jugoslawien. Der Anteil der Frauen liegt dabei bei 60-70 Prozent. Um die fehlenden Sprachkenntnisse der Gastarbeiter sorgten sich die Arbeitgeber kaum. Übersetzungshilfen im Betrieb dienten lediglich dazu, dass Arbeitsprozesse und Pflichten verstanden und eingehalten wurden. So auch bei Hella. 

Irina Vavitsa: „Doch das Problem war, dass die Dolmetscher kein politisches Mandat hatten. Sie haben uns bestimmte Pflichten erklärt, aber nicht mehr. Wir durften nicht zu spät kommen, mussten uns um die Qualität kümmern und die Stückzahl schaffen. Du konntest bei Hella viele Sprachen lernen, aber kein Deutsch; im besten Fall „Hella-Deutsch“. Später, im Streik, hatten wir so viel Solidarität von linken Gruppen und Parteien erhalten. Schade war, dass wir damals die Flugblätter nicht lesen konnten. Jahre später und mit mehr Deutschkenntnissen konnten wir sie erst verstehen. 

Es gärt in den Hella-Werken

Es dauert nicht lange, bis die Erlebnisse der ähnlichen Arbeits- und Lebensbedingungen und die Arbeiterinnen enger zusammenschweißt. Sie liefern den Stoff für die besonderen Freundschaften unter den Arbeiterinnen, die so kostbar sind wie jener Moment, wenn im Pausenraum das Getöse der lauten Maschinen verstummt und man endlich, wenn auch nur kurz, durchatmen kann. Aus Arbeitskolleginnen werden bald Freundinnen. 

Irina Vavitsa: „In der Pause saßen wir zusammen, Spanier, Ex-Jugoslawen, Italiener, Griechen. Frauen und Männer. Wir haben mit Händen und Füßen versucht uns zu verständigen und es hat geklappt. Weil jede von uns wichtig war. Wenn was war, galt Eine für alle, alle für einen. Zum Beispiel haben wir uns die Einkäufe gegenseitig erklären lassen. Lag eine Kollegin im Krankenhaus, haben wir sie besucht. Das ist heute leider nicht mehr so.“ 

In den Gesprächen im Pausenraum wird den Arbeiterinnen allmählich bewusst, wie ungerecht ihre Löhne bezahlt werden – mit einschneidenden Folgen! 

Irina Vavitsa: „Irgendwann saßen wir zusammen, hielten unsere Lohnabrechnungen in den Händen. Wir verstanden nicht, was Netto, was Brutto ist. Wir konnten die Abrechnung nicht lesen, verstanden nicht was Lohngruppe oder Lohnsteuer bedeutet. Wir verstanden, was wir an Lohn bekamen und stellten fest, wie unterschiedlich er war. Wir haben die gleichen Stunden gearbeitet aber wurden ungleich entlohnt. Auch die deutschen Kollegen waren sprachlos über diese Unterschiede. Als wir dann erfuhren, dass die deutschen Facharbeiter eine freiwillige Zulage erhalten, hat uns das auf die Palme gebracht. Ohne viel zu überlegen, haben wir uns im Betrieb versammelt und sind auf die Straße gegangen.“

Wir wollen 50 Pfennig mehr und…

Der Unmut der Arbeiter und Arbeiterinnen gegen die Lohnungerechtigkeit war gewachsen. Er passte weder in die Pausenräume noch in die Werkshalle hinein. Die Arbeiter organisieren Belegschaftsversammlungen in den Landessprachen und verteidigen ihren Kampf gegen das Unternehmen, wie auch gegen einen unüblichen Gegner, der sich gegen sie stellt: Die Streikbeteiligung von spanischen Arbeiterinnen bei Hella hatte die spanische Franco-Regime unruhig gemacht, der seinen Botschafter zu Hella schickte, um den Streik zu brechen. „Aber er hatte keine Kontrolle über uns. Die spanischen Frauen, diese Flamme, dieses Feuer, das kann man sich nicht vorstellen. Das war richtig Frauenpower.“, fügt Irina im Gespräch stolz zu. Die Gastarbeiter haben die Lohnungleichheit, die schlechten Arbeitsbedingungen und Benachteiligung satt und fordern 50 Pfennig mehr für alle, gleichen Lohn bei gleicher Arbeit und die Abschaffung der Leichtlohngruppe. Sie prangern die hohen Preise für die Wohnheime an und fordern Gerechtigkeit und Anerkennung. 

Streik bei Hella 

Es folgt ein viertägiger Streik, der als „wilder Streik“ in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung eingehen wird. 11.000 griechische, italienische, ex-jugoslawische, spanische und deutsche Arbeiterinnen und Arbeiter schließen sich dem Streik an. Es entsteht eine große Solidaritätswelle der Einwohner in Lippstadt und aus anderen Hella Werken wie bspw. in Paderborn. Die Unternehmensleitung versucht den Arbeitskampf sogar mit Polizeigewalt zu brechen, was ihm nicht gelingt. Irina und ihre Kollegen erkämpfen u.a. für die unteren Lohngruppen 40 Pfennig und für die höheren Lohngruppen 30 Pfennig mehr Geld. 

Rückblickend auf diese Zeit erzählt Irina heute, dass sie stolz ist, für die richtige Sache gekämpft zu haben. Und auch heute bleibt sie nicht still: „Solange ich lebe, werde für Gerechtigkeit, gegen Krieg und Ausbeutung kämpfen und meine Erfahrungen an die nächsten Generationen weiterreichen.“

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