Das Selbstbestimmungsrecht Kataloniens

Alev Bahadir
Der 27. September 2015 ist der Tag des großen Sieges für die katalanische Unabhängigkeitsbewegung. Bei den Regionalwahlen in Katalonien an jenem Sonntag konnten sowohl das Bündnis „Junts pel Si“ (Gemeinsam für das Ja), als auch die linke „Candidatura d’Unitat Popular“ (CUP), ihren Einfluss stärken. Das könnte der erste Schritt zur Lösung eines langen Konflikts sein.

Stets unterdrückt…
Die Geschichte Kataloniens ist voller Besetzungen durch äußere Mächte. Wie fast der gesamte Rest der iberischen Halbinsel, war Katalonien einst Teil Karthagos, des Römischen Reiches, des Westgotischen Reiches und der Mauren. Nach der Vertreibung der Mauren, in der Mitte des 12. Jahrhunderts, wurde Katalonien in verschiedene Grafschaften (die bedeutendste: Grafschaft Barcelona) unterteilt, die jedoch eine katalanische Identität beibehielten. Im Laufe der nächsten 500 Jahre gewann die Idee eines vereinten Spaniens mehr an Bedeutung. Jedoch kam diese Idee eher von Monarchen, die ein Gesamtspanien nach kastilischem Vorbild (heute: zentralspanisch), statt mehrerer Grafschaften, beherrschen wollten. Zwar hatte Katalonien noch eine eigene Verfassung, faktisch wurde es jedoch durch eine zentralspanische Monarchie regiert. Seit 1635 befand sich Spanien mit Frankreich im Krieg. Auf Kosten der Bevölkerung wurden kastilische Truppen in Katalonien stationiert. Dies führte zu großen Protesten der katalonischen Bevölkerung, vor allem der Bauern. 1640 stürmen die Bauern Barcelona und vertreiben und töten die kastilische Aristokratie. Etwa zu dieser Zeit konnte sich Portugal von Kastilien lösen, ein Akt der dem katalanischen Widerstand sicherlich Hoffnung gab. Ein Pakt mit Frankreich wurde geschlossen, der Katalonien die Unabhängigkeit versprach und 1641 wurden die kastilischen Truppen endgültig aus Katalonien vertrieben. Doch die französische Besatzung war nicht besser, als die Spanische. Der Krieg endete 1659. Trotz langjährigen Widerstandes wurden Teile Kataloniens an Frankreich übergeben, der Rest blieb bei Spanien, dennoch durfte Katalonien eigene Institutionen haben und sich selbst verwalten. Im frühen 18. Jahrhundert kam es zu Erbfolgekriegen in Spanien. Katalonien unterstütze die schließlich unterlegene Seite und musste mit der Kapitulation Barcelonas, am 11. September 1714, die Selbstverwaltung aufgeben. Doch blühte Katalonien in den folgenden Jahren zur Handelsmetropole auf. Immer wieder gab es Bestrebungen sich von Spanien zu lösen. Zwischenzeitlich war es auch Teil des von Napoleon beherrschten französischen Kaiserreiches. Derweil erstarkte die katalanische Identität, vor allem durch die dortige Bourgeoisie, von neuem. 1873 dankte der spanische König ab und die spanische Republik, die das Land in eine föderale Republik umwandeln wollte, wurde gegründet, hielt sich jedoch nur 23 Monate, bis die Monarchie, durch innere Unruhen, erneut eingeführt wurde. 1932 wurde Katalonien, in der zweiten spanischen Republik, autonomes Gebiet. Kurz nachdem 1936 eine linke Regierung in Madrid einzog, erstarkte Franco, der spanische Bürgerkrieg begann.

Die dunkle Epoche
Nachdem Sieg des Bürgerkriegs durch Franco, erbaute dieser eine faschistische Diktatur in Spanien. Neben linken Kräften, war ihm auch Katalonien ein Dorn im Auge. Der Region wurde ihr Autonomiestatus entzogen, die katalonische Sprache wurde verboten. In der Schule wurde nur noch auf Spanisch unterrichtet. Alle katalonischen Unabhängigkeitsbestrebungen zu unterdrücken war vor allem wichtig, weil es die wirtschaftlich stärkste Region in Spanien blieb. Die offensichtliche Unterdrückung ganzer Bevölkerungsgruppen und die Ausübung einer faschistischen Diktatur waren jedoch wohl kein Hindernis für die UNO. 1955 wurde Spanien Mitglied der Vereinten Nationen. Doch erkämpften sich Katalanen Stück für Stück einzelne Rechte, wie den Gebrauch des Katalanischen in der Schule, zurück. Aber erst mit dem Tod Francos 1975 verbessert sich die Lage der Katalanen wieder.

Von der Selbstverwaltung in die Unabhängigkeit?
1979 wurde Katalonien erneut autonomes Gebiet. Jedoch hält der Unmut bis heute an. Katalonien versteht sich als eigene Nation, die jedoch mehr auf Kultur und Sprache, als auf ethnischer Abstammung, beruht. Der Wunsch nach Unabhängigkeit von Spanien ist nach wie vor vorhanden. Das zeigte eine umstrittene Volksabstimmung, bei der sich 95 % für die Unabhängigkeit aussprachen. Jedoch lag die Beteiligung an der Abstimmung bei nur 27 %. Im Zuge der Wirtschaftskrise, mit Spanien als einem der am stärksten betroffenen Länder, erstarkte der Wunsch nach Selbstbestimmung noch mehr. Ein Referendum, das im November 2014 über die Zukunft Kataloniens entscheiden sollte, wurde vom zentralspanischen Verfassungsgericht unterbunden. Man einigte sich auf vorgezogene Regionalwahlen, die am 27. September dieses Jahr stattfanden. Zwar könnten die Parteien, die sich für eine Abspaltung aussprechen, mit einer Koalition die Mehrheit der Sitze erreichen und den Prozess der Unabhängigkeit einleiten. Jedoch bleibt abzuwarten, ob die linke CUP bereit ist, mit der Bündnisliste, die von der rechtsliberalen CDC und Ministerpräsident Mas angeleitet wird, zu koalieren. Zudem ist der Druck von innen und außen immens. Die spanische Regierung hat natürlich kein Interesse daran, ihre wirtschaftlich stärkste Region zu verlieren. Die EU erklärte bereits, dass Katalonien, mit der Unabhängigkeit, aus der EU ausscheiden würde. Etwas was zumindest Mas und der CDC nicht wollen. Es ist auch kaum vorstellbar, dass bürgerliche Parteien, wie die CDC, eine tatsächliche Selbstbestimmung der Völker („Kampf gegen jegliche nationale Unterjochung“) fordern wird, wenn sich daraus keine Vorteile für die katalanische Bürgerlichkeit ergeben.

Die Geschichte von unterdrückten Völkern, ob sie sich nun als ethnische oder kulturelle Gruppen definieren, ist sich oft sehr ähnlich. So wie die Katalanen, wurde auch die kurdische Bevölkerung stets unterdrückt. Sie wurde ausgebeutet, militärisch ausgenutzt, ihre Sprache wurde verboten, ihre Existenz verleugnet, viele ihrer Menschen ermordet, man versuchte sie zu zwangsassimilieren. Ihre Bestrebung nach wirklicher Selbstbestimmung wurde mit autonomen Regionen, die nie tatsächlich selbstbestimmt agieren können, abgespeist. Ihnen wurde Verständnis vorgegaukelt, doch straft man sie in größter Not mit Ignoranz. Die Selbstbestimmung der Völker oder Nationen wird von jenen mit Füßen getreten, die sich mit ihr brüsten. Was mit Katalonien geschieht, bleibt abzuwarten. Aber unter der CDC erwartet es sicher keine wirkliche Selbstbestimmung.

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