Der Säkularismus in Deutschland verschwindet!

Dieses Jahr ist irgendetwas mit mir passiert, ich streife immer wieder meine Ketten ab und bin in Berlin. Dies ist meine dritte Reise innerhalb von sechs Monaten.

Wer hatte gesagt: „In Berlin gibt es nichts zu sehen, es gibt Erinnerungen und Geister“… Für alle, die gut im Geschichtsunterricht aufgepasst haben, ist Berlin endlos.

Alle stürmen in Europas größtem Kaufhaus KaDeWe in der Tauentziehnstraße, Du verfolgst in der Leipzigstrasse die Spuren des Kaufhauses Wertheim, an deren Stelle nun eine Baugrube ist.

Die Pressemagnaten gehen ins Adnan, du gehst in Berholt Brechts Restaurant Ganymed, um Austern, die Lieblingsspeise von beleidigten Liberalen, zu verzehren… Und zwar zum dreifachen Preis als in Paris! (Berlin ist eine Preishölle)

Immer wenn ich in Berlin bin, steige ich im Hotel Adlon ab. Wieder um des Spuren verfolgens Willen. Als würde das Mark Weber Orchester im Ballsaal “Tango Notturno“ spielen, ein alter Pianist von der Empore ankündigen: “Oh, wen sehe ich da, Dr. Joseph Goebbels und seine elegante Frau Magda sind unter uns“…

Sehen Sie, weil ich es hasse zu schleimen, habe ich nicht “Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, dort zu residieren, wo der große Atatürk abgestiegen ist, um mein Gesicht über seine Fußspuren zu streifen“…

Hotel Adlon ist zwar wundersamerweise “heil“ dem Krieg und der Bombardierung entkommen, aber im Mai 1945, brannte es eine Woche nach der Kapitulation Deutschlands nieder. Es wurde nicht geklärt, ob das Feuer von den Soldaten der Roten Armee, die drinnen eine Orgie feierten, gelegt wurde oder von den Deutschen, die es verlassen aber niemandem überlassen wollten. Der Flügel mit Blick auf die Wilhelmstraße war noch einige Zeit im Betrieb, aber dann wurde er auch abgerissen, sein Platz war ein halbes Jahrhundert ein “leeres Grundstück“.

Nach der Wiedervereinigung Deutschland wurde es, auch wenn nicht genau gleich, aber ähnlich wieder aufgebaut, 1997 eröffnet. Türkische Politik- und Musikhändler, die das nicht wissen, steigen die Hoteltreppen “Atatürk hat sie auch betreten“ sagend aufgeregt hoch oder es vermarktet sich selbst so.

Letzten Sonntagabend, bei Minus 2 Grad, bin ich müde und zitternd ins Hotel gekommen. Ich wollte in mein Zimmer im ersten Stock, die Zigaretten rauchenden, beschissenen Süchtigen gegeben werden, ging durch den Lobby…

Doch diesmal gab es keine Pianoklänge. Dafür ein Chor aus Stimmen von Mädchen, die gerade in die Pubertät gekommen sind oder kurz davor sind…Sie haben genau den Weg blockiert, der vom Fahrstuhl im ersten Stock zu unserem Zimmer führt, angeführt von einer Lehrerin, sie singen!

Weihnachtslieder… Das Fest steht vor der Tür, überall leuchtet es, die Menschen verschlingen in Hütten, die dicht an dicht aufgebaut sind, heißen Glühwein, Würstchen, Lebkuchen…

Ein Weihnachtskonzert im Hotel Adlon! Sie haben es nicht geschafft zu schweigen. Sie fingen mit “Stille Nacht, Heilige Nacht“ an und endeten mit Bach Kompositionen, die in irgendwelchen Ecken liegengeblieben sind.

In einem säkularen Umfeld wird in höchsten Tönen religiöse Musik gemacht, niemanden stört es, im Gegenteil alle hören zu und klatschen.

Jetzt… Wenn in einem unserer großen Hotels Schülerinnen des Koranunterrichtes “kutlu doğum haftası münasebetiyle“ (zum Anlass der heiligen Geburtstagswoche) ein Konzert geben würden, dann “Sordum sarı Çiçeğe“ (Ich habe die gelbe Blume gefragt) und danach ein “Şol Cennetin Irmakları“ (Die Flüsse des linken Paradieses) schmettern würden…

Die Welt würde untergehen, die Welt. Die Presse würde Himmel und Erde in Aufruhr versetzen.

Denn für den europäische Intellektuellen Türken ist es niedlich den Geburtstag von Jesus zu feiern, den Geburtstag von unserem Propheten zu feiern ist rückständig.

Lass uns die Händler fragen: Wenn der große Atatürk im Adlon so einem Konzert begegnet wäre, was hätte er wohl gesagt?

Kolumnisten haben als Meinungsmacher einen hohen Stellenwert in der Türkei. Engin Ardiç ist mit seinen ironischen Schriften einer der meist diskutierten Kommentatoren des Landes. Wie in seinem Beitrag auch beschrieben, kommt Ardiç oft nach Deutschland und kennt die deutsche Kultur sehr gut. Er beschreibt in diesem Artikel seine Beobachtungen während seiner letzten Berlinreise.

Detaillierte Post auf SABAH AVRUPA – Die Türkische Tageszeitung.

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