TMD ARBEITER SIEGEN ÜBER DIE KONKURSMASSE

SEMRA ÇELİk
Der Arbeitskampf von 42 TMD-Friction Arbeitern für die Wiederaufnahme ihrer Arbeit hat den bekanntesten Insolvenzanwalt Kebekus in die Knie gezwungen. Der Leverkusener Bremsbelägehersteller TMD-Friction hatte für seine vier deutschen Tochterunternehmen die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Nach dem ablehnenden Richterspruch des Landesarbeitsgerichts in Düsseldorf hat der Insolvenzverwalter Kekebus in einem Brief an die Belegschaft seine eigene Insolvenz angekündigt.

Wir haben mit einem der Sprecher des erfolgreichen Arbeitskampfes, Sabit Okuyan, über die letzten Ereignisse bei TMD gesprochen.

Seit März habt ihr eure Arbeit wiederaufgenommen. Was hat sich nach dem letzten Beschluss des Insolvenzverwalters in TMD geändert?
Es ist zwar richtig, dass wir wieder zurückgekehrt sind, aber diesem Rückkehr an die Arbeit war ein „bis auf Weiteres“ beigemischt. Da das schriftliche Urteil des Solinger Arbeitsgerichts und das verbale Urteil des Landesarbeitsgerichts sich für uns ausgesprochen haben, haben wir mit der Unterstützung unserer Anwälte unsere Kündigungen stoppen können und haben unsere Arbeit wiederaufgenommen. Nun wollte der Insolvenzverwalter-Anwalt Kebekus aber unbedingt unsere Kündigungen durchsetzen und seit dem schriftlichen Urteil des Landesarbeitsgerichts in Düsseldorf  vor zwei Wochen hat er ebenfalls das Handtuch werfen müssen. Dieser Fall ist laut unserer Anwälte ein Präzedenzfall. Seit 1945 sind in einem Konkursverfahren gekündigte Arbeiter mit Beibehaltung ihrer Rechte nicht wieder eingestellt  worden. Wir sind überglücklich, dass wir es geschafft haben unsere Rechte zu verteidigen und dass wir auch eine Vorbildfunktion für die Kollegen in anderen Betrieben darstellen.
Einige sagen, dass der Erfolg dieses Arbeitskampfes größtenteils auf die Fehler der Betriebsleitung zurückzuführen ist.
Einige unter uns denken auch in dieser Richtung. Diese Aussage mag zum Teil richtig sein, aber da stellt sich die Frage: Woher haben sie diese Kühnheit, uns mit so einem unbedachten sozialen Plan vor die Tür zu setzen? Wir haben durch den entschlossenen Arbeitskampf gesiegt! Die gekündigten Arbeiter waren größtenteils Migranten und der Betriebsrat hatte unseren Kündigungen zugestimmt. Die Gewerkschaften versuchten uns davon zu überzeugen, dass im Falle einer Insolvenz nichts gegen Kündigungen unternommen werden könnte. Ohne jegliche Unterstützung des Betriebsrates und der Gewerkschaft würde die Belegschaft von 160 Arbeitern wieder auf die Strasse gesetzt werden. Das war zumindest die Annahme. 42 Arbeiter sind jedoch nicht wieder nach Hause gegangen. Wir haben den Beschluss nicht akzeptiert und haben mit unserem Arbeitskampf angefangen. Wir hatten nichts zu verlieren. Unsere Anwälte sagten sogar, unsere Chancen wären sehr gering bis kaum vorhanden. Jeden Tag standen wir vor dem Betrieb und haben unsere Aktionen durchgeführt. Obwohl wir privat keinen richtigen Kontakt miteinander hatten, haben wir uns wöchentlich getroffen und unsere Aktionen besprochen und weitere Vorgehensweisen geplant. Unterstützung bekamen wir von unseren Familien und Freunden. Es gab Zeiten, wo der eine oder andere fast aufgegeben hat, aber wir haben sie immer wieder von der Richtigkeit und Rechtmäßigkeit unseres Kampfes überzeugt. Wir haben das erste Mal in unserem Leben mit unseren Transparenten an der 1. Mai Demo teilgenommen. Wir waren sogar in Berlin. Wir sind zu einer Einheit herangewachsen. Wir alle, Türken, Kurden, Albaner, Griechen, Polen und Deutsche wurden eine Einheit. Hätten wir nicht so einen entschlossenen Arbeitskampf geführt, hätte der Kebekus gesiegt. An den Gerichtsprozessen haben wir mit mindestens 30 Leuten teilgenommen. Sogar die Richter waren überrascht. Das alles war der Grund unseres Erfolges. Auch wenn die Betriebsleitung Fehler gemacht hat, hätten wir verlieren können. Wir haben gezeigt, dass Einheit und Entschlossenheit gesiegt haben. Diese Einheit und Entschlossenheit hat dazu geführt, dass die Richter sensibler wurden, dass die Anwälte entschlossener wurden und dass die Öffentlichkeit von unserem Kampf erfuhr.

Seit dem 15. März seid Ihr wieder an eure Arbeit  zurückgekehrt. Wie ist die momentane Situation im Betrieb?
Gleich, nachdem wir unsere Arbeit wieder aufgenommen haben, haben wir eine Liste zu den Betriebsratswahlen erstellt. Kostas, ein Kollege und ich sind jetzt Mitglieder im Betriebsrat. Ich habe sogleich eine türkische Übersetzung des Betriebsverfassungsgesetzes holen lassen und habe unsere Rechte und Pflichten in Erfahrung gebracht. Wir versuchen unsere Erfahrungen während des Arbeitskampfes der Belegschaft  nahezubringen und vor allem unsere Einheit unter der Belegschaft zu verankern.
Natürlich ist auch die Betriebsleitung nicht tatenlos. Sie versucht, ihre Niederlage zu verschleiern und hat bestimmte Maßnahmen ergriffen. Wir sind alle in unterschiedliche Bereiche eingeteilt worden, unser Arbeitsplatz ändert sich jeden Tag und wir sind ständig unter Kontrolle und Überwachung. Aber wir werden weiterhin nicht resignieren. Wir werden unsere Arbeit gewissenhaft erfüllen und weiterhin unsere Rechte verteidigen. Wir sind gestärkt aus dem Arbeitskampf herausgegangen. Sogar aussichtslose Situationen kann man erfolgreich überwinden. Wir möchten allen Kollegen, die sich in ähnlichen Arbeitskämpfen befinden, viel Glück wünschen. Wenn sie nicht aufgeben, werden sie siegreich sein. Auch wenn sie nicht siegen sollten, haben sie nicht kampflos ihre Rechte verloren.

Ein langer Weg in einem Jahr

TMD-Friction befindet sich in Leverkusen/Deutschland und stellt Ersatzteile und Bremsbeläge her.  Unter dem Vorwand der Krise hat die Firma Insolvenz beantragt und 160 Arbeiter entlassen. 42 Arbeiter jedoch haben die Kündigungen nicht akzeptiert und haben ein Jahr lang für ihre Wiederaufnahme in den Betrieb gekämpft. Dieser Kampf wurde vom Betriebsrat und den Gewerkschaften nicht unterstützt. Nachdem die Unterstützung des Betriebsrates und der Gewerkschaften versagt wurde, haben die Arbeiter angefangen, vor dem Betrieb 14-tägig Aktionen durchzuführen. Unterstützt wurden sie von ihren Familien und Freunden. Diese Aktionen haben sie auf die 1. Mai Demo, auf  die Demo am 16. Mai in Berlin mit dem Motto „Eure Krise zahlen wir nicht“ und letztlich vor dem Bürogebäude des Insolvenzverwalter-Anwalts Kebekus übertragen. Das Arbeitsgericht in Leverkusen beschloss, dass der soziale Plan nicht sozial war, worauf die Betriebsleitung und der zuständige Insolvenzanwalt Einspruch eingelegt haben. Daraufhin hat das  Oberlandesgericht Düsseldorf den kämpfenden Arbeitern verbal recht gegeben, das vom Insolvenzanwalt nicht akzeptiert wurde. In März wurde den Arbeitern durch ein Gerichtsbeschluss erlaubt, vorläufig in ihren Betrieb zurück zukehren. Zur selben Zeit wurden im Betrieb  Betriebsratswahlen durchgeführt. Die Arbeiter haben eine Liste erstellt und geschafft, dass zwei von ihnen in den Betriebsrat gewählt wurden.

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