Razzia gegen rechte Szene in Deutschland

Razzia gegen rechte Szene in Deutschland

Gamze Ardic

Anfang April fand eine Großrazzia in elf Bundesländern statt, die es in dieser Form schon lange nicht mehr gegeben hat: 800 Polizeibeamte durchsuchten 61 Objekte und Wohnungen von insgesamt 50 beschuldigten Neonazis. Lediglich vier Verdächtige wurden festgenommen, darunter auch ein aktiver Unteroffizier der Bundeswehr.

Im Fokus dieser Razzia standen mehrere Gruppen, allen voran die „Atomwaffendivision“, „Combat 18“ und „Knockout51“ – Gruppennamen, die damit ihre Gesinnung mehr als verdeutlichen. Ermittlungen gibt es seit September 2019. Die Verdächtigen sollen teilweise Mitglieder einer kriminellen Vereinigung sein, die miteinander verwoben sind und versucht haben, eine terroristische Vereinigung zu bilden.

„Combat 18“ und „Atomwaffendivision“

Die Ermittlungen richteten sich auch gegen Funktionäre der Untergrundgruppe „Combat 18“ (C18), die vor zwei Jahren vom Bundesinnenministerium verboten wurde. Sie steht allerdings im Verdacht, ihre Vereinigung weiterhin zu führen. C18 erlangte vor allem im Kontext des NSU-Prozesses Aufmerksamkeit, da unmittelbare Verbindungen mit dem NSU nachgewiesen wurden.

Ebenfalls im Fokus stehen Mitglieder des deutschen Ablegers der „Atomwaffendivision“ (AWD). Hierbei handelt es sich um ein rechtes Netzwerk aus den USA, das sich 2015 gegründet hat und zuletzt mit Mordattentaten in Verbindung gebracht wurde. Diese Gruppe hat das Ziel, die „weiße Vorherrschaft“ aufrecht zu erhalten, indem weltweit ein „Rassenkrieg“ entfacht werden soll. 2018 tauchte in Deutschland eines ihrer Videos auf, anschließend wurden in Berlin und Frankfurt am Main Flyer verteilt. Ende 2020 wurde ein 23-Jähriger aus Bayern zu zwei Jahren Haft verurteilt, da er für den deutschen AWD-Ableger einen rechten Anschlag vorbereitete.

Die verdächtigen und in Gewahrsam genommenen Mitglieder der AWD und C18 wurden allerdings zeitnah wieder auf freiem Fuß gesetzt, während vier Mitglieder der Kampfsportgruppe „Knockout51“ verhaftet wurden.

„Nazi-Kiez“ war das Ziel

Die Intention von „Knockout51“ war die Bildung eines „Nazi-Kiez“. Den Kopf dieser Gruppe bildet der Eisenacher Leon R.. Er steht im Verdacht, mit „Knockout51“ eine kriminelle Vereinigung gebildet zu haben, die vermutlich spätestens im März 2020 realisiert worden ist. Auch waren Maximilian A., Eric K. und Bastian A. Mitglieder dieser Gruppe und wurden ebenfalls verhaftet. Insgesamt werden zehn Neonazis der Vereinigung „Knockout51“ beschuldigt.

Für die Bildung ihres „Nazi-Kiezes“ wurden junge gleichgesinnte Neonazis indoktriniert und für Straßenkämpfe ausgebildet. Die Ausbildung für jene Straßenkämpfe wurde unter der Leitung von Leon R. geführt, die im „Flieder Volkshaus“ stattgefunden hat. „Kiezstreifen“ und „gezielte Provokationen von Gewalt“ wurden durchgeführt und „erhebliche Straftaten“ gegen Linke und Polizisten geplant. Bereits ausgeführt wurden außerdem mehrere Angriffe mit teils schweren Verletzungen.

Die Gruppe „Knockout51“ soll sich im November 2021 aufgelöst haben, allerdings sprechen einige Indizien dafür, dass jene Auflösung lediglich vorgetäuscht wurde. Kurze Zeit später ist nämlich eine Großzahl an Personen der NPD-Jugend beigetreten, die sich zuletzt an Corona-Protesten beteiligt hatten und es bestehen Vernetzungen nach einigen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg.

Ein Name, der besonders hervorsticht

Leon R., dessen Name im Kontext der bundesweiten Razzia besonders hervorsticht, steht im Verdacht, bereits 2019 für die „Atomwaffendivision“ Aktionen ausgeführt zu haben. Ferner ist er wesentlicher Bestandteil der Kampfsportgruppe „Knockout51“ und steht im engen Kontakt mit dem ehemaligen Funktionär der „Combat 18“, Stanley Röske.

Vor diesem Hintergrund durchsuchten die Beamten seine in Eisenach betriebene Kneipe „Bull’s Eye“, sowie das „Flieder Volkshaus“, in dem die Landesgeschäftsstelle der NPD sitzt und sich 2019 Leon R. und Stanley Röske trafen. Leon R. präsentierte sich auf einem Bild vor einer Hakenkreuzfahne, während eine weitere Person den Hitlergruß zeigte.

Neben Leon R. sind es neun weitere Verdächtige, die entweder Mitglied des deutschen Ablegers sind oder eben jene unterstützt haben sollen. Unter den Verdächtigen ist der Berliner Maurice P., der in engem Kontakt mit der NPD stand und am Tag der Razzia für einen schweren Angriff auf einen Deutsch-Jamaikaner vor Gericht gezogen werden sollte. Allerdings wurde der Prozessauftakt verschoben. Auch gab es eine Durchsuchung seiner Wohnung, die allerdings nicht der Grund für die Absage des Prozessauftaktes war, sondern „organisatorische Gründe“, wie es seitens der Behörden genannt wurde.

Leon R. gilt als Hauptzeuge im Prozess gegen Lina E. und drei weitere Linke, die wegen Angriffe auf ihn und weitere Neonazis vor Gericht stehen. In seiner Aussage leugnete er, in Verbindung mit der AWD zu stehen und betonte, dass „Knockout51“ unpolitisch sei. Maximilian A. sagte ebenfalls im Prozess gegen Lina E. aus und gab sich unpolitisch.

Nichts Neues und daher längst überfällig!

Dass wir es innerhalb Deutschlands mit einem starken rechten Netzwerk zu tun haben, ist uns nicht erst seit der Razzia bekannt. Der Schlag gegen die rechte Szene und die Festnahme von vier Neonazis kann definitiv nicht als Erfolg der Sicherheitsbehörden verbucht werden, wenn es ihnen und dem dahinter steckendem Netzwerk gelungen ist, jahrelang eine derartige Organisation und Vernetzung zu etablieren, die rechte Attentate verübt und geplant hat. Auf diesen Umstand haben bereits antifaschistische Recherchegruppen und Linke-Politiker schon zuvor aufmerksam gemacht und vor allem davor gewarnt, dass Neonazis einen „Nazi-Kiez“ in Eisenach aufbauen wollen. Konkrete Namen konnten benannt werden, auch deren Rollen in dem ganzen Komplex wurden dargelegt. Davon wissen wollten die Sicherheitsbehörden allerdings nichts. Die wichtige Arbeit von Antifaschisten und Journalisten, die bereits zuvor auf die steigenden Neonazis-Aktivitäten hingewiesen haben, ist ernst zu nehmen und natürlich nicht erst dann, wenn sich derartige Netzwerke über Jahre hinweg in Ruhe etablieren konnten.

Es ist zu hoffen, dass im Fall der längst bekannten rechten Strukturen nicht erneut geschlafen und alles Mögliche daran gesetzt wird, jene bestehende Strukturen zu zerschlagen!

Der Beitrag Razzia gegen rechte Szene in Deutschland erschien zuerst auf Yeni Hayat.

Detaillierte Post auf DEUTSCH Archive – Yeni Hayat

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