Organisiert und systematisch

Nuray Sancar
Es geht nicht darum, dass der Vater und Freund des Mörders von Özgecan ihm freiwillig zur Hilfe eilten. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, dass Frauen von ihren nächsten Familienangehörigen, Freunden oder wildfremden Männern vergewaltigt wurden. Wir wissen, dass eine provozierte Männlichkeit allzu oft der Ausgangspunkt für Vergewaltigungen war. Wenn es um Frauenfeindlichkeit geht, werden Tugenden sehr schnell ad acta gelegt.
Diese freiwillige Mittäterschaft kommt nicht von ungefähr. Sie ist die unmittelbare Folge
der Erklärungen des Ministerpräsidenten, der die Frage der Jungfräulichkeit von protestierenden Frauen aufwarf. So genannte Geistliche, die erklärten, sie würden ihre Töchter nicht küssen, damit sie nicht erregt werden, haben genauso dazu beigetragen, wie Rechtsanwälte, die die Einführung von staatlichen Zuschüssen forderten, damit Männer ihre sexuellen Bedürfnisse stillen könnten. Ein Rechtssystem, das bei sexuellen Delikten zunächst die eventuelle Verantwortung des weiblichen Opfers hinterfragt, trug ebenso zu diesem Klima bei.
Und viel wichtiger ist, dass diese Aussagen mit der so genannten „Familienreform“ in ihre Rechtsform gegossen wurden – eine Reform, mit der die Basis für ein Land als „Paradies für die Ausbeuter billiger Arbeitskraft“ geschaffen wurde und bei der den Frauen eine besondere Rolle zuteil wurde. Und die Frauen sollten sich ihrem Schicksal und dem patriarchalen Diktat beugen. Wer aufmuckte, nicht die Vorgaben oder die Erwartungen erfüllte, wurde als „Schuldige“ angeprangert und bestraft. Deshalb werden die Frauen von organisierten Kräften geschlagen, erstochen oder vergewaltigt, damit man sie auf Linie trimmt.
Was die Männlichkeit provoziert, ist nicht die Frage, wie sie sich anziehen oder zu welcher Uhrzeit sie sich auf die Straße wagen. Die Männlichkeit wird seit Jahren von der politischen Macht provoziert. Was die Frauenmörder zu deren Seelenverwandten macht und beide Parteien auf einer Seite organisiert, ist diese Tatsache.
Obwohl zwischen dem Mord an Özgecan und dem politischen Willen ein unmittelbarer Zusammenhang besteht, obwohl jeder weiß, dass die von der Regierung geforderte Todesstrafe oder die Kastration von Sexualstraftätern die Frauenmorde nicht verhindern kann, kommen sie mit solchen Vorschlägen. Und es ist klar, dass es ihnen dabei nicht um die Verhinderung weiterer Morde geht. Denn die Gewalt wird weitergehen, solange die da oben an dieser Politik festhalten.
Dank einem Rechtssystem, das sie dem Erdboden gleichgemacht haben, kann sich die herrschende Politik heute jeglicher Kontrolle entziehen und hat zu einer Diktatur umgewandelt. Mit Strafen als Lösungsvorschlägen, die längst der Vergangenheit angehören, verhöhnt sie uns. Wir wissen, dass sie die Todesstrafe besonders gegen Menschen richten wird, die sich für Demokratie und Freiheiten einsetzen. Dafür kennen wir genügend Beispiele aus unserer Vergangenheit.

Detaillierte Post auf Yeni Hayat – Neues Leben » Deutsch

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