NSU-Prozess: „Warum habt ihr mein Lämmchen ermordet?“

Am 42. Prozesstag im NSU-Prozess wurde der Mord an dem neunten Opfer Halit Yozgat verhandelt. Die Eltern Ismail und Ayşe nahmen ihre Plätze im Gerichtssaal ein. Der Vater brachte vor seinem Tisch zwei Bilder in Sichtweite von Beate Zschäpe an: Eins mit seinem toten Sohn, eins von der Holländischen Straße, die trotz des mehrfach zum Ausdruck gebrachten Wunsches von Ismail Yozgat nicht in die Halit-Yozgat-Straße umbenannt wurde.

Unter Tränen sagte der trauernde Vater über den Tattag: „Mein Sohn sagte zu mir: Du hast Geburtstag, geh mit Mama einkaufen. Weil er in die Abendschule ging, wollte ich das Café um 17.00 Uhr übernehmen. Normalerweise wartete er immer vor der Tür auf mich, aber an dem Tag stand er nicht da. Seitdem habe ich keinen Geburtstag mehr gefeiert.“

Als er ins Internetcafé kam, dachte er, sein Sohn würde einen der Computer reparieren, so Ismail Yozgat und: „Ich sah zwei rote Punkte und hielt sie für Farbflecke. Als ich meinen Sohn auf dem Boden liegen sah, war ich schockiert.“ Der verzweifelte Mann legte sich auf den Boden und zeigte, wie er sein toten Sohn vorfand. Die Aussage des Vaters sorgte im Gerichtssaal für emotionale Momente, der Dolmetscher musste die Übersetzung immer wieder unterbrechen.

Ismail Yozgat erzählte weiter, dass die Familie nach der Tat von ihrem Umfeld als Schuldige geschnitten wurde. Sie konnten lange nach dem Erlebten nicht rausgehen, weil man der Familie Drogenhandel und Mafiaverbindungen unterstellte. Yozgat: „Ich habe meinen Sohn mit den eigenen Händen ins Grab gelegt. Danach erlitte ich einen Herzinfarkt.“

Der V-Mann Andreas Temme, der zur Tatzeit im Internetcafé war, sagte: „Ich war bereits früher dort. An dem Tag wies mir Halit Yozgat einen Platz zu. Ich chattete ungefähr 10 Minuten in einem Chatroom. Danach ging ich nach vorne, um zu bezahlen. Aber ich sah den Besitzer nirgendwo. Ich schaute noch mal hinten, dann wieder vorne. Ich legte die 50 Cent, die ich immer bezahlte auf den Tresen. Am nächsten Tag hatte ich frei. Am Sonntag habe ich von der Tat erfahren.“ Er habe in der Lokalzeitung von dem Mord gelesen, so Temme und: „Ich dachte, dass ich 24 Stunden vor der Tat dort war. Ich habe die Tage durcheinander gebracht. Am 21. April kam die Polizei und hat mich verhört.“ Über sein Verhalten zur Tatzeit erklärte er nur: „Ich habe in dem Moment so gehandelt.“ Und wiederholte beharrlich, dass er weder etwas gesehen, noch etwas gehört und schon gar nichts gewusst hat.

Hediye Ç., befand sich an dem Tattag ebenfalls im Internetcafé: „Ich telefonierte gerade mit meinen Verwandten in der Türkei. Dann hörte ich Geschreie. Ich dachte, dass es Streit gibt. Ismail Yozgat schrie: `Man hat meinen Sohn erschossen´. Mein 2,5-jähriger Sohn war bei mir. Ich ging nach Hause. Weil ich schwanger war wurde ich krank. Ich kam ins Krankenhaus, wo ich vier Tage lag. Ich befand mich im siebten Monat der Schwangerschaft und hatte eine frühe Geburt.“

Detaillierte Post auf SABAH AVRUPA – Die Türkische Tageszeitung.

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