Nach dem Widerstand ist vor dem Widerstand

In meiner letzten Kolumne habe ich geschrieben, dass die Protestwelle, die vom Gezi Park in Istanbul ausging und sich zu einem Protesttsunami entwickelt hat, ihr eigentliches Ziel aus den Augen verloren und in viele unterschiedliche Ziele aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln angenommen hat.

Warum ich dieser Meinung bin? Die Türkei ist bekanntermaßen ein Vielvölkerstaat. In diesem Land leben verschiedene Religionen, Kulturen, Traditionen und Ethnien. Unsere Vielfalt ist unser Reichtum, aber auch unsere Armut. Weil wir es nicht schaffen, uns auf unsere Gemeinsamkeiten zu konzentrieren, sondern auf unsere Unterschiede. Ich respektiere jeden Menschen, ob nun Muslim, Alevit, Christ, Jude, Armenier oder Kurde, solange wir bereit sind, uns zu der Bezeichnung “Bürger der Türkischen Republik“  zu bekennen und uns darunter vereinen. Wenn wir es schaffen, nicht gegeneinander, sondern füreinander zu kämpfen. Und im Moment schaffen wir das einfach nicht.

Wenn die Gezi Park Proteste bei ihrem eigentlichen Ziel geblieben wären und die Regierung die Pläne zum Bau des Einkaufszentrums zurückgezogen hätte, dann wäre die Wirkung dieses Widerstandes größer gewesen als jetzt. Man hätte beweisen können, dass man Macht über die Übermacht hat, ohne Nebenkriegsschauplätze für Hetzer, Türkeigegner, Verräter oder Partisanen zu öffnen. Mir ist durchaus bewusst, dass die Gewaltanwendung durch die Polizei die Lage eskalieren lies, es war falsch. Die Regierung hat sich dafür entschuldigt, obwohl es eigentlich unentschuldbar ist. Aber wir müssen jetzt nach vorne schauen. Am Anfang hatte ich Bedenken, was wohl passiert, wenn AKP-Wähler und -Anhänger auch auf die Straße gehen und befürchtete bürgerkriegsähnliche Zustände. Sie sind es aber nicht. Weil die Mehrheit von ihnen die Kritikpunkte beim Thema Gezi Park teilt und die Polizeiaktionen verurteilt. Was bitter daran ist: Die Menschen, die auf die Straße gegangen sind, verurteilen und verachten die AKP-Wähler. Das sind doch “die ungebildeten, rückständigen Bergvölker und anatolischen Bauern, die ihre Stimmen für einen Sack Kohle verkaufen“. Nun, sie haben uns eines Besseren belehrt, auch mich.

Auch hier wird deutlich, was ich deutlicher machen möchte: Es gibt keinen elementaren Unterschied zwischen AKP-Wähler und Nicht-AKP-Wähler. Alle wollen in einem Land leben, in dem sie sein dürfen, wer sie sind; glauben und denken dürfen, was sie wollen. Wir gehen heute auf die Straße, weil wir unter anderem unseren westlichen Lebensstil bedroht sehen. Ich finde auch, dass niemand mir vorschreiben darf, was ich anziehe, trage oder wie ich lebe. Das Ding ist: Niemand macht in der Türkei irgendjemandem seinen westlichen Lebensstil streitig. Im Gegenteil, jedesmal wenn ich in meiner Heimatstadt Alanya bin, frage ich mich, wie westlich eigentlich deren Westen liegt. Es muss westlicher als Deutschland sein.

Aber: Haben wir nicht genau das anderen türkischen Frauen verboten?

Ich trage kein Kopftuch, außer ich reise nach Saudi-Arabien oder ich gehe an islamischen Festtagen in die Moschee oder besuche die monumentalen Gotteshäuser in Istanbul. Trotzdem bin ich gegen das Kopftuchverbot. Jahrzehntelang durften Frauen in der Türkei nicht mit Kopftuch in öffentlichen Ämtern arbeiten oder an Universitäten studieren. Warum nicht?

Die betroffenen Kopftuchträgerinnen sind aber nicht auf die Straße gegangen, haben Polizisten mit Steinen beworfen oder mit Türkeigegnern sympathisiert, um ihr Recht auf Freiheit durchzusetzen und weil sie ihren Lebensstil als bedroht sahen. Sie haben eine Lösung gefunden: eine Partei, die ihre Interessen vertritt.

Die Kopftuchdebatten, die außerhalb der Türkei geführt werden, besonders in Deutschland, sind lächerlich. Ein Land, dass von einer Partei mit dem Namen ”CHRISTLICH Demokratische Partei“ regiert wird, in dessen Gerichtssälen Kruzifixe hängen, in deren Hotelzimmern Bibeln ausgelegt werden, deren Bundeskanzlerin den Papst um politischen Rat fragt, wirft der Türkei Islamisierung und mangelnden Säkularismus vor. Warum geben wir anderen das Recht über uns zu urteilen, obwohl man sie verurteilen ebenfalls sollte?

Was ich mit diesem Beispiel sagen möchte ist: Probleme löst man nicht, indem man Probleme macht, handelt, ohne zu denken, sich so verhält, als gäbe es kein morgen. Lassen Sie uns das Szenario einmal im Kopf durchspielen: Erdoğan tritt zurück. Und dann? Wer wird sein Nachfolger? Ein moderner Demokrat? Haben wir den? Ein Übergläubiger, der alle Religionen vertritt? Glauben Sie daran? Oder befördern wir Öcalan von der Gefängnisinsel Imralı in den Präsidentenpalast Çankaya? Wenn die Mehrheit Erdoğan nicht mehr an der Macht haben will, dann soll er zurücktreten. Keine Frage, das Volk entscheidet. Aber wird der Nächste das Volk vereinen, alle Interessen vertreten und jedermanns Premierminister sein können?

Ich kenne die Fehler von Erdoğan. Wie gesagt, sie stehen nicht zur Debatte. Er macht sie. Aber ich weiß auch, das er manches richtig macht: Er geht auf die Bedürfnisse der Menschen ein, die jahrelang ignoriert wurden. Das ist das Problem mit diesem Mann: Er macht nicht alles falsch, aber eben auch nicht alles richtig. Man muss ihn gleichzeitig kritisieren und respektieren. Das macht es schwer gegen oder für ihn zu sein. Was aber Fakt ist und was die Haltung der Menschen auf den Straßen zeigt, ist: Erdoğan muss die Kritik an seiner Politik ernst nehmen. Die eine Frage ist: War er bisher ein gutes Staatsoberhaupt? Die eigentliche Frage aber ist: Wird er ab jetzt ein gutes Staatsoberhaupt sein?

Doch Erdoğan ist nur ein Politiker, man kann ihn wählen, nicht wählen oder abwählen. Die Frage, die über allem schwebt ist: Werden wir es schaffen, ein Volk zu sein? Viele werfen Erdoğan vor, die Menschen in der Türkei in “ihr“ und “wir“ zu trennen, Minderheiten zu unterdrücken und Andersdenkende zu verurteilen. Nun, dann repräsentiert er uns doch sehr gut. Erst einmal ist nicht relevant, was Erdoğan macht, sondern was wir machen. Wir sind doch diejenigen, die uns selbst gerne von den anderen abtrennen, distanzieren, isolieren. In der Türkei neigen wir dazu unsere politische Einstellung kund zu tun und uns darüber zu definieren. Um es überspitzt zu sagen: Während ich in Deutschland nicht weiß, wen mein Nachbar wählt, weiß ich in der Türkei von 100 Metern Entfernung, welcher Partei ein Fremder zugehört. Alle Kopftuchträgerinnen sind zurückgebliebene Islamisten, während Nicht-Kopftuchträgerinnen gottlose Schlampen sind. Moderne Kemalisten sehen in AKP-Wählern hirnlose Mitläufer, während AKP-Wähler in den anderen vom Westen gelenkte, charakterlose Islamfeinde sehen. Türken sind für Kurden Unterdrücker und Kurden sind für Türken Terroristen. … Wir existieren mit unseren Unterschieden nebeneinander anstatt mit unseren Gemeinsamkeiten miteinander. Lange bevor Erdoğan uns in “wir“ und “ihr“ geteilt hat, haben wir es doch selbst getan.

Es wird Erdoğan vorgeworfen, der Premierminister derjenigen zu sein, die ihn gewählt haben, anstatt der Premierminister von allen zu werden. Dies können wir auch Erdoğans Vorgängern vorwerfen und werden es sicherlich auch seinen Nachfolgern unterstellen. Wir können aber nur einen gemeinsamen politischen Vertreter haben, wenn wir lernen Eins zu werden. Die unterschiedlichen Fahnen, Gruppierungen und Forderungen, die kein Interesse an der Einheit der Türkei haben und die wir auch in diesen Tagen auf den türkischen Straßen sehen, zeigen, dass wir weit entfernt davon sind. Auch wenn der Weg der gleiche ist, sind die Ziele andere. Ich bemitleide jeden, der die Aufgabe übernimmt die Türkei zu regieren, eigentlich kann er doch nur versagen.

Diese Protestaktion stellt die Regierung auf eine harte Probe, aber auch uns. Die emotionale Stimmung, die trügerische Solidarität, die scheinbare Einheit ist mitreißend, keine Frage. Der arabische Frühling wird oft als Beispiel angeführt. Vielleicht zu recht. Er sollte für uns ein Beispiel dafür sein, es anders zu machen. Denn mal ganz ehrlich, wie heuchlerisch der angebliche Zusammenhalt während den Revolutionen in der arabischen Welt war, hat sich im Nachhinein gezeigt: Wo sind all die Unterstützer der ägyptischen Revolution, die aus der ganzen Welt heraus ihr Mitgefühl und ihre Anteilnahme bekundet hatten? Interessiert sich noch jemand für die Libyer? Weiß einer von Ihnen, wer der neue Machtinhaber in Tunesien ist? Haben diese Menschen erreicht was sie wollten? Wie geht es ihnen? Wieso, weshalb, warum,… ach ist doch egal, oder?

Die Proteste haben gezeigt, dass viele Menschen in der Türkei unzufrieden sind. Die Aktion hat wachgerüttelt, aber jetzt sollten wir wachsam bleiben. Uns auf das konzentrieren was wichtig ist: Wir. Ein Beispiel: Die Kosten, die diese Protestwelle den kleinen Mann kosten, der sein Geld mit Tourismus verdient, sind noch nicht absehbar, man wird sehen, ob es das wert war.

Lassen Sie uns nicht zur Unterhaltung der ganzen Welt werden. Sie wissen schon, alle schauen zu uns, weil sie sehen wollen, ob die Menschen es schaffen, Erdoğan zu stürzen oder nicht. Der Mensch liebt Wettkämpfe, das liegt in seiner Natur und deshalb schauen wir auch dumme Castingshows, spannende Fußballspiele oder halbintelligente Quizsendungen. Aber glauben Sie mir, danach wird sich keiner für uns interessieren und wenn, werden sie uns vorwerfen, zu dumm zu sein, eine vernünftige Lösung für die Zeit nach dem Widerstand gefunden und umgesetzt zu haben. Lassen wir uns nicht aufhetzen, für nichtige Zwecke missbrauchen oder zu Marionetten von irgendwelchen Gegeninteressen werden.

Wir haben emotional angefangen, jetzt kommt es darauf an, die Sache rational zu beenden, indem Recht über Unrecht siegt und diesen Sieg mit Worten erkämpfen. Lasst uns reden, diskutieren, verhandeln – miteinander. Ich glaube, wir kriegen das hin, gemeinsam.

Candan Six-Sasmaz

Detaillierte Post auf SABAH AVRUPA – Die Türkische Tageszeitung.

Link: http://almanca.hukuki.net/nach-dem-widerstand-ist-vor-dem-widerstand.htm
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