Ein Kommentar vom Frankfurter Rundschau Chefredakteur

Chefredakteur der Frankfurter Rundschau

Wir Journalisten sollten nicht unseren lautesten Kritikern auf den Leim gehen: Es gibt nicht „die Medien“. Also können “die Medien” auch keinen Beitrag – wozu auch immer – leisten. Der „Fall Sarrazin“ hat zweifellos eine mediale Dimension. Durch Vorabdruck und Interviews in Zeitungen oder Talkshows bekamen Sarrazins fragwürdige Thesen eine eigene Durchschlagskraft. Viele Kommentatoren haben das (selbst-)kritisch beleuchtet. Die Debatte zeigt aber auch, wie eigenartig es sich mit der „Meinungsmacht der Medien“ verhält: Die überwiegende, zum Teil scharfe Kritik an Sarrazin fand in der Bevölkerung gerade keinen Widerhall. Im Gegenteil: Medien wurden als Teil eines (linken) Meinungskartells gebrandmarkt, das kein „offenes, wahres Wort“ über Probleme oder gar das angebliche Scheitern der Integration zulasse. Richtig ist freilich auch, dass einige (Boulevard-)Medien als Sprachrohr für Sarrazin gewirkt haben. Nach der Logik des Boulevards funktioniert dieser Mechanismus aber dann und nur dann, wenn es für die Schlagzeilen einen Resonanzboden bei den Lesern gibt. Ich glaube nicht, dass die negativen Umfragen über Ausländer auf „Second-hand-Erfahrungen“ beruhen. Es gibt unbestreitbar Probleme mit der Integration, deren Folgen zum Beispiel Kinder, Jugendliche und deren Familien in Kitas und Schulen erleben. Berichte über „Parallelgesellschaften“ geben Einblicke in Sphären, zu denen viele Bürger keinen Zugang haben. Sie spiegeln aber Realitäten wider. Gewiss kann das Sorgen oder womöglich Ängste auslösen. Deshalb verschämt zu schweigen, wäre aber falsche Selbstzensur. Umgekehrt berichten viele Medien – so auch die Frankfurter Rundschau – über gelungene Beispiele von Integration oder lassen differenzierende Stimmen zu Wort kommen.

Detaillierte Post auf SABAH AVRUPA – Die Türkische Tageszeitung.

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