Ein Jahr mit tiefen Spuren

Das vergangene Jahr hat in der Gesellschaft tiefe Spuren hinterlassen, die nicht so leicht zu beseitigen sind. Sie lassen sich nicht alle hier auflisten, das wichtigste Ereignis jedoch aus Sicht der türkischen Gesellschaft war die „Sarrazin-Welle“, die die ganze Bundesrepublik erschütterte. Dadurch hat sich allgemein in der deutschen Mittelschicht eine ablehnende Haltung gegenüber den Migranten standardisiert. Migranten bzw. Türken wurden hierzulande als die Faktoren wahrgenommen, die Deutschland abschaffen würden. Das Traurigste daran war, dass sich keine nennenswerte gesellschaftliche Gruppe gegen diese unlogischen und unmoralischen Behauptungen gestellt hat. „Deutschland schafft sich ab und die Türken sind dafür verantwortlich.“ Während wir uns darüber beklagt haben, dass die Politiker Migranten für ihre Zwecke missbrauchten, haben die Medien weiterhin mit verstärkter „Dosis“ den Populismus begleitet. So erlebten wir ein selbst ernährendes Phänomen der rhetorischen Gewalt. Um die Bedrohlichkeit ihrer selbst geschaffenen Unholde zu preisen, haben Politik und Medien geradezu untereinander wettgeeifert.

Probleme wurden beiseitegeschoben

Abgesehen von paar Apellen des gesunden Menschverstandes wurde die düstere Stimmung über die Migranten angehalten. Anstatt sich einer Akzeptanzkultur anzueignen, verlieren Politik und Medien – dem Populismus versklavt – aus der eigenen Substanz. Deutschlands politische Geschichte der letzten 10 bis 15 Jahre zählt genügend Beispiele von berühmten Persönlichkeiten, die Migranten ständig zur Wahl thematisierten und doch scheiterten. Die deutsche Medien tragen zurzeit die Fahne eines populistischen Klimas gegenüber Türken, mit der Begründung, dass es “bei den Lesern gut ankommt„. Dadurch verkaufen sie möglicherweise einige Zeitungen mehr, die deutschen Kollegen müssen jedoch begreifen, dass Populismus gegenüber dem Leserschwund nur eine vorübergehende Maßnahme ist. In Betracht auf den demographischen Wandel ist es ersichtlich, dass sich die Akzeptanzkultur auch bei den Medien dringend etablieren muss. Wie lange können sie dies beiseiteschieben?

Mikdat Karaaliaoglu – Chefredakteur der SABAH

Detaillierte Post auf SABAH AVRUPA – Die Türkische Tageszeitung.

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