Die ideologische Krise des Kapitalismus und die neuen Medien

Anil Aba

Die globale Finanzkrise, die mit dem Bankrott der Lehman Brothers 2008 begann, konnte trotz der vielen Jahre noch nicht voll überwunden werden. Obwohl es scheint, dass das Wirtschaftswachstum und der Arbeitsmarkt, sich langsam wieder erholen, kann man nicht davon sprechen, dass es stabil auf allen Ebenen ist. Das Beschäftigungswachstum wird vor allem durch prekäre Beschäftigung aufgebläht. Der Anstieg der Reallöhne lässt bereits lange Zeit auf sich warten. Die Verschuldung in den öffentlichen Haushalten nimmt drastisch zu. Die 40 Jahre andauernde Politik der Liberalisierung wirkt sich nicht mildernd, sondern verstärkend auf das globale Ungleichgewicht aus. Die Ungerechtigkeit in der Einkommens- und Vermögensverteilung hat einen neuen Rekordwert erreicht. Die 26 reichsten Menschen der Welt besitzen so viel, wie 50 % der Weltbevölkerung. Auf der einen Seite die Reichen, auf der anderen Seite die Armen…

Auch wenn das alles die ökonomischen Auswirkungen der Finanzkrise sind, bleiben die Probleme nicht allein in diesem Bereich. Die wirtschaftlichen Spannungen der letzten zehn Jahre haben sich auch auf die Politik und die Gesellschaft ausgewirkt. Eine Auswirkung der wirtschaftlichen Instabilität ist die Abschwächung der Ideologie der „Mitte“ und die Bewegung hin, sowohl nach links, als auch nach rechts. Auf der einen Seite die Rechtspopulisten, die leicht Zustimmung in der von Not gebeutelten Bevölkerung finden. Auf der anderen Seite spielen „sozialistische Alternativen“ vor allem für immer mehr Jugendliche eine neue und wichtigere Rolle. Unternehmen, wie das „Pew Research Center“ oder „Ipsos“, haben für ihre Studien Menschen in Ländern, wie Russland, Rumänien, Moldawien, Ungarn, Armenien oder Kirgistan befragt. Dabei gaben 60 % der Bevölkerung an, den Sozialismus zu vermissen und dass ihre wirtschaftliche Lage zu sozialistischen Zeiten besser gewesen sei, als heute. Sie gaben zudem an, dass sie es bedauern, dass die Sowjetunion zusammengebrochen sei. Bei älteren Menschen, die sich eher an die Zeit vor 1990 erinnern, lag dieser Wert sogar bei über 70 %.

Während die älteren Generationen der westlichen Länder der Idee des Sozialismus ablehnend entgegenstehen, sind es vor allem in Amerika die Jugendlichen, die nicht von der Propaganda des Kalten Krieges und der McCarthy Ära beeinflusst sind, die ernsthaft über den Sozialismus als eine Alternative diskutieren. In Umfragen erreicht die Sympathie der jüngeren Generationen zum Sozialismus erstmals über 50 %. Mit jeder neuen Generation wird sich dieses Verhältnis auf die Gesellschaft im Allgemeinen widerspiegeln.

Denn der Kapitalismus hat seine (leeren) Versprechen nicht erfüllt. Der „amerikanische Traum“ wird beklagt. Die Arbeitslosigkeit nimmt langfristig zu. Die Jugendarbeitslosigkeit ist sogar noch höher. Wie Marx angekündigt hat, nimmt die Häufigkeit der Wirtschaftskrisen zu und ihre Auswirkungen werden dabei immer stärker. Früher sind bei einer Krise die Firmen bankrottgegangen, heute sind es ganze Länder, die pleitegehen. Die Schere zwischen arm und reich wird immer offensichtlicher. Die eigene Existenz zu sichern, wird immer schwieriger. Es ist fast unmöglich ohne Kreditschulden den heutigen Lebensstandard aufrecht zu erhalten. Die Obdachlosigkeit in Amerika hat zugenommen. Der Aufstieg in eine höhere Schicht ist sehr selten. Nur 4 % der Amerikaner, die im unteren Fünftel der Einkommensschicht geboren wurden, schaffen es in das obere Fünftel. In England beträgt diese Gruppe 11 %, in Dänemark sogar 19 %. An amerikanischen Universitäten wird deshalb auch gesagt: „Wenn du den amerikanischen Traum leben willst, geh nach Dänemark“.

Sie sagen: „Diesen Winter kommt der Kommunismus“

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, hat sich der Kapitalismus nahezu über den gesamten Planeten ausgebreitet. Die Gefahr einer „sowjetischen Besetzung“ gibt es nicht mehr und damit hat sich auch die ideologische Kontrolle entspannt. Das System hat mit Zombie-Invasionen, Alienangriffen und islamistischem Terror neue Ängste geschaffen.

Es wäre naiv zu glauben, dass es ein Zufall ist, dass mit der steigenden Sympathie der Jugend für den Sozialismus, zeitgleich die antikommunistischen Filme und Serien wieder mehr werden.

Das kapitalistische System hat mittlerweile Schwierigkeiten, Zustimmung zu gewinnen. Vielleicht hat die von der Tagesordnung gefallene „Kommunismusgefahr“, auch wenn es nur für eine kurze Zeit war, zu einer ideologischen Lethargie geführt? Jedoch ist klar, dass das „Ende der Welt“ nicht gekommen ist.

Die Rolle von Netflix als Plattform der neuen Medien

Aus diesem Grund ist es verständlicher, warum auf Netflix, das das Fernsehen neu erfindet, plötzlich Filme und Serien mit dem Themen Kalter Krieg und Antikommunismus so zunehmen. Netflix ist schon längst aus dem Status eines Technologie Start-Ups oder einer Neue-Medien-Initiative entwachsen und auf dem besten Weg ein „Network“ zu werden. Mediennetzwerke sind eins der effektivsten Mittel, um Zustimmung zu erzeugen. Durch solche Netzwerke können alle möglichen Entscheidungen, angefangen mit der besten Diät bis zu welcher Partei man seine Stimme gibt, manipuliert werden. Ist der Grund für Wirtschaftskrisen die inneren Widersprüche des kapitalistischen Systems oder sind die „faulen“ Mexikaner (oder in Europa die Griechen) Schuld daran? Das könnt ihr den Menschen zumindest einreden. Aber dafür muss die Kontrolle voll und ganz bei euch liegen. Wenn jemand auf Kanal A die eine Information, auf Radiosender B allerdings eine andere bekommt, kann das zu Verwirrung führen. Das macht die Indoktrination schwieriger.

Denkt einmal 15 – 20 Jahre zurück. Dank dem Internet sollte jeder in der virtuellen Welt seine Meinung äußern können. Jeder sollte mit allen möglichen Menschen kommunizieren können. Jeder sollte eine Botschaft verbreiten können. Jeder sollte alle möglichen Informationen schnell und kostenfrei bekommen. Eine unglaubliche Vision. Nur sind wir heute in einer dystopischen Zukunft gelandet, in der die Daten der Menschen an Privatunternehmen verkauft und Wahlergebnisse manipuliert werden. Die sympathischen Start-Ups von vor 20 Jahren sind heute Megakonzerne, die den Hauptschalter kontrollieren wollen. Das einzige Ziel von Amazon, Google und Facebook ist eine Monopolstellung im Informations- und Kommunikationssektor zu erlangen. Nun hat sich Netflix mit einem anderen Dienstleistungsbereich in diesen Wettbewerb eingereiht.

Schlussendlich produziert das Unternehmen Serien und Filme in einem bestimmten ideologischen Format und lässt die meisten der Zuschauer diese sehen. Die sich schnell entwickelnde Technologie (Internet und Streaming) wird genutzt, um Menschen noch effektiver zu indoktrinieren. Die Monopolisierung von Nachrichten, Diskussionsthemen, Informationen, Kultur und Unterhaltungsmedien untergräbt die Demokratie.

Unter normalen Umständen würden die Großunternehmen sich aufspalten und den Wettbewerb des Marktes steigern. Nur erlauben die Regierungen diese Monopolisierung, um den Status Quo zu erhalten und für ihre eigenen Interessen zu kontrollieren. Genauso wie die Monopolisierung des Telekommunikationskonzerns AT&T geduldet wurde, wird heute die Monopolisierung von Amazon, Google, Facebook und Netflix in ihrem Bereich geduldet. Um das Privileg eines Monopols von der Regierung zu bekommen, müssen, neben den finanziellen Forderungen, auch deren politische Forderungen erfüllt werden. Das System versucht Individuen zu optimieren, die gebildet genug sind, um in den Fabriken die Maschinen zu bedienen oder in den Banken die Buchhaltung zu machen, aber nicht gebildet genug sind, um das System zu hinterfragen. Netflix als große Medienplattform, versucht die ideologische Leere zu füllen und sich so in den Augen der Regierung zu beweisen.

Detaillierte Post auf DEUTSCH – Yeni Hayat

Link: http://almanca.hukuki.net/die-ideologische-krise-des-kapitalismus-und-die-neuen-medien.htm
Artikel: Die ideologische Krise des Kapitalismus und die neuen Medien

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