Die einzige Gemeinsamkeit: Das Feindbild

Die Protestwelle in der Türkei, die mit der Besetzung des Gezi Parks begann und sich im ganzen Land verbreitet hat, wird von vielen als eine revolutionäre Bewegung gefeiert. Als ein historisches Ereignis, das zusammengebracht hat was bisher nicht zusammengehörte. Miteinander statt gegeneinander. Die Menschen, die im ganzen Land ihre Stimmen erheben, könnten nicht unterschiedlicher sein: Kopftuchträgerinnen neben modernen Feministinnen, Studenten neben Bauern, Linke neben Rechten, Kurden neben Türken, Islamisten neben Aleviten…

Ich nahm am Samstag an einer Solidaritätskundgebung in Hamburg teil, mit 1.200 anderen Menschen und stellte fest, dass diese Gemeinschaft nicht die gleichen Ziele hat, sondern das gleiche Feindbild: Recep Tayyip Erdoğan. Die Gründe für ihre Wut, für ihre Aufregung, ja sogar für ihren Hass, sind vielfältig. Die Einheit, der Zusammenhalt, die Solidarität ist nicht echt, sondern zweckmäßig.

Mir ging es tatsächlich um den Gezi Park. Ich bin der Meinung, dass Istanbul eine der schönsten Städte der Welt ist und es bleiben soll. Zum Teil hatte ich den Eindruck, dass ich die Einzige war, die so dachte. Während ich für den Gezi Park war, waren die anderen gegen Erdoğan. Fundamentalistische PKK-Anhänger, die seinen Rücktritt forderten, weil sie diese Gelegenheit nutzen wollen, ihre Interessen durchzusetzen. Linke, die den westlichen Weg, den die Türkei eingeschlagen hat nicht hinnehmen wollen. Westlich eingestellte Modernisten, die die islamistische Richtung der Regierung kritisierten. Aleviten, Armenier und andere Minderheiten, die gegen ihre Stellung in der Türkei protestierten. Und und und.

Ich bin Türkin. Mir ist die Einheit, die Brüderlichkeit und die Freiheit in meinem Land wichtig. Vor allem die Einheit. Deswegen beschloss ich an dem Protestzug, der nichts anderes als gemeinsam gegeneinander war, nicht mitzumachen. Um für mein Land zu kämpfen werde ich nicht Schulter an Schulter mit Menschen marschieren, die mein Land bekämpfen wollen. Ich werde nicht neben einem PKK-Anhänger laufen, der bei jedem gefallenen türkischen Soldaten in Jubel ausgebrochen ist. Ich werde nicht neben einem Separatisten stehen, der nicht zu dem vereinenden Begriff “Bürger der Republik Türkei“ steht.

Die Frage ist: was passiert, wenn Erdoğan tatsächlich seinen Rücktritt verkündet? Wessen Interessen stehen dann im Mittelpunkt? Wer unterschiedliche Ziele verfolgt, kann keines davon erreichen. Dass die Regierung Erdoğans Fehler im Umgang mit den Demonstranten im Gezi Park gemacht hat, ist nicht von der Hand zu weisen. Sonst wäre ich nicht nach Hamburg gefahren.

Aber! Der Baubeschluss für das Einkaufszentrum ist nicht nur von der Regierungspartei AKP, sondern auch von Parteien wie der CHP unterschrieben worden. Es ist nicht auszuschließen, dass andere Parteien ihre Leute unter die Demonstranten gemischt haben, um für Ärger zu sorgen und die Polizei zu provozieren, um so die Regierung Erdoğans in Misskredit zu bringen. Dass die Polizei sich nicht hätte provozieren lassen dürfen, steht außer Frage. Der Einsatz von Tränengas und Pfefferspray ist nicht entschuldbar.

Wie lässt es sich erklären, dass Schaufenster zu Bruch gingen, randaliert wurde und Autos angezündet wurden, wenn es friedliche Demonstranten waren? Über Socialmedia wurden dutzende Falschmeldungen verbreitet. Zum Teil war die Rede von über 500 Toten. Irre Durchhalteparolen wie “Wenn wir noch 24 Stunden durchhalten zwingt die EU die Regierung zum Rücktritt“ wurden geschrieben.

Erstaunlich sind zum Teil auch die Berichte in den deutschen Medien. Gründe für diesen plötzlichen Wutausbruch der Türken sind schnell gefunden: Die Islamisierung des Landes, wie sie auch das vor kurzem beschlossene Alkoholverbot zeigt. Warum fragt eigentlich keiner, was dieses Alkoholverbot ist? Es gibt kein Alkoholverbot, sondern eine Neuregelung des Alkoholgenusses und -verkaufs. Demnach darf auf öffentlichen Plätzen wie Straßen und Parks kein Alkohol mehr getrunken werden. Der Verkauf von Alkohol im Umkreis von 100 m von Schulen und Moscheen ist nicht erlaubt, außer in bereits bestehenden Läden. Alkoholhersteller dürfen nicht mehr für ihre Produkte werben und als Sponsoren auftreten. Aber in Restaurants, Bars und Kneipen darf jeder trinken wie und was er will, genauso Zuhause. Übrigens ist das Alkoholgesetz in Schweden Vorbild für die türkische Gesetzesverschärfung gewesen. Und ich habe noch nie jemanden darüber meckern hören, dass er in New York City nur in bestimmten Läden Alkohol kaufen darf, nicht in der Öffentlichkeit trinken oder nur in bestimmten Lokalen Alkohol bestellen kann.

Überhaupt ist das Bild, das durch die Protestaktion im Ausland entstanden ist, schrecklich. Es sieht so aus als wären die Türken ein armes, unterdrücktes Volk, das endlich aufgewacht ist und seine Stimme erhebt. Es ist aber so, dass die Türken anscheinend ein armes, unterdrücktes Volk bleiben wollen. Man kann der AKP-Regierung vieles vorwerfen, sie kritisieren und missbilligen. Zu Recht. Doch man muss sie auch anerkennen. Wenn wir einen Schritt zurückgehen, dann können wir sehen, dass das Land zuvor von anderen Parteien regiert wurde, von der DYP über CHP bis ANAP. Waren die besser? Werden die Nachfolger der AKP es besser machen? Bevor man gegen etwas ist, muss man für etwas sein. Eine Alternative, eine Lösung bereit haben. Was ich aber sehe ist, dass wir uns von einer “Katastrophe“ in die nächste katapultieren werden. Wir müssen etwas Besseres haben, damit das Schlechte nicht mehr gut genug ist. Sonst werden wir gemeinsam auseinander driften. Ich möchte, dass wir alle einmal innehalten und uns nicht nur fragen, was tun wir jetzt, sondern auch, was tun wir danach?

Ich will hier niemanden zu unrecht verteidigen, aber auch nicht zu unrecht anklagen. Ich denke nur, dass es vermessen ist, die Protestwelle in der Türkei mit dem arabischen Frühling, den Ereignissen auf dem Taksim Platz mit der Revolution auf dem Tahrir Platz zu vergleichen. Vermessen uns gegenüber, aber vor allem vermessen gegenüber den Menschen, die nicht nur ihre Meinung nicht sagen, sondern auch keine Meinungen haben durften. Die nicht nur mit Tränengas verjagt, sondern mit Kugeln niedergeschossen wurden. Die Menschen in Ägypten hatten tatsächlich ein Problem: eine Diktatur. Die haben die Türken nicht. Sie haben einen Premierminister, der mit Mehrheit vom Volk gewählt wurde. Wer ihn nicht mehr haben will, gibt ihm bei den nächsten Wahlen einfach nicht mehr seine Stimme. Eines dürfen wir nicht übersehen: Während wir Demokratie wollen, dürfen wir über der Hälfte der Türken ihre demokratischen Rechte nicht streitig machen. Und zwar der Hälfte der Türken, die mit Mehrheit diesen Mann gewählt und ihn in seinem Amt bestätigt haben.

Ich glaube nämlich, dass wir bei der ganzen Sache, das Wichtige aus den Augen verloren haben: Wir wollten einen Park retten, sind aber gerade dabei unser Land zu zerstören.

Candan Six-Sasmaz

Detaillierte Post auf SABAH AVRUPA – Die Türkische Tageszeitung.

6 thoughts on “Die einzige Gemeinsamkeit: Das Feindbild

  • 03/06/2013 at 16:54
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    Dann erklär du uns doch bitte worum es geht CENGO

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  • 03/06/2013 at 17:16
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    Lächerlicher Artikel…. und dumme Annehmung. Du hast leider immer noch nicht verstanden worum es geht – super schlaf weiter und freu dich, dass du in Deutschland lebst.

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  • 03/06/2013 at 17:40
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    Ein Artikel, der gut analysiert und es auf den Punkt bringt. Danke für diese ausgewogenen, aufschlussreichen Zeilen Frau Six-Sasmaz!

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  • 03/06/2013 at 18:02
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    Ich würd auch sagen, dass Du absolut nicht verstanden, worum es hier geht. Scheinbar sind die vielen Menschen so gereizt -von all den willkürlichen Verboten – und Gesetzen, die über Nacht verabschiedet werden wohlbemerkt, dass sie auf die Straßen gehen und rebellieren. Was ist das für eine Demokratie, in der es keine Medienfreiheit gibt? Dies sehen wir an den aktuellen Geschehnissen sehr deutlich! Die ganzen privaten Sender wurden aufgekauft und gehören der Regierung.

    Die Türkei ist ein Vielvölkerstaat, wer beten will, soll in die Moschee, wer Alkohl trinken will, soll es ebenfalls dürfen. Wozu also dieses Verbot? Wenn ein Premierminister das eigene Volk, als “Alkoholiker” betitelt, sobald man ein Glas Sekt trinkt. O-Ton von Herrn Erdogan: “Jeder, der Alkohol trinkt, ist ein Alkoholiker”.
    Die Menschen, die auf den Straßen rebellieren gehören keinen extremen Gruppierungen an, ganz im Gegenteil, sind sie doch zumeist Studenten, Intellektuelle etc.
    Ja, Erdogan ist ein Diktator, denn er hat alle wichtigen Posten aus seinem eigenen Lager besetzt und alle anderen vernichtet. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis er gestürzt wird.

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  • 03/06/2013 at 18:18
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    ..dem ist nichts hinzuzufügen Frau Six-Sasmaz.. Sie haben sowas von Recht. Danke..

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  • 03/06/2013 at 18:30
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    Anscheinend hast du nicht verstanden worum es geht…Candan Schlaf weiter.

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