Die Drohungen können mich nicht abhalten!

Jung, weiblich, Türkin, Moslemin … sind einige der Wörter, die die deutschen Medien benutzen um Aygül Özkan zu beschreiben. Sie steht seit 2010 im Mittelpunkt des Interesses, denn sie ist die erste türkischstämmige Ministerin Deutschlands. Aygül Özkan zuständig für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration in Niedersachsen ist seit ihrer Wahl so bekannt, dass sie nicht mal unbehelligt durch die Strassen laufen kann. Ich wollte sie seit langem kennenlernen und mich mit ihr unterhalten und habe sie in Istanbul getroffen. An einem sonnigen Morgen, bevor sie mit ihrem Ehemann und Sohn auf die historische Halbinsel aufgebrochen ist, haben wir eine Stunde miteinander geredet.  Sie ist 41 Jahre alt. Sie besitzt die Natürlichkeit mit stolz von dem Essen zu sprechen, das sie gestern gekocht hat und das geschmeckt hat, während sie ihre Erfolgsgeschichte erzählt, von denen nicht einmal die meisten Deutschen zu träumen wagen. Als Tochter von türkischen Gastarbeitern stösst sie bei jedem Schritt, den sie macht auf Hinternisse. Wenn ihr Name “fremd“ klingt, landen die Bewerbungen um Wohnungen ganz unten, bei der Arbeitssuche schliessen sich die Türen vor ihrem Gesicht, bevor sie sich öffnen, weil sie Ausländer sind. In so einer Welt hat Özkan es geschafft die erste türkischstämmige Ministerin zu werden. Sie ist sehr bescheiden. Bei unserem Gespräch lag ihr Handy nicht griffbereit auf dem Tisch. Ihre Nägel sind kurz geschnitten und nicht lackiert. Während sie auf uns gewartet hat, hat sie nicht nur türkische, sondern auch englische und deutsche Tageszeitungen durchgeblättert. Was sie über die Zukunft sagt, unterscheidet sie sehr vom türkischen Politiker Prototypen: „Ich hatte ein Leben vor der Politik und werde auch ein Leben danach haben. Die, die ein Leben lang Politik machen erschrecken mich. Sie sind so abhängig von ihren Sesseln, dass sie sich über die Macht definieren, die sie dort haben“.

Wie ist es unerkannt durch die Strassen von Istanbul zu laufen?

Ich bin natürlich entspannter (lacht). Mein Sohn, mein Mann und ich haben die Gelegenheit für einen Kurzurlaub gefunden und sind hierher gekommen.

Die deutschen Medien beschreiben Sie als: Junge, weibliche, türkische, moslemische Ministerin!

Ich habe mich daran gewöhnt. Ich bin stolz auf meine Andersartigkeit.  In der Regel beschreiben die Medien die Integrationspolitik als eine erfolglose Maßnahme. Sie stellen keine erfolgreichen Menschen vor. Jemand mit ausländischen Wurzeln hat entweder jemanden umgebracht oder hat Gewalt erlebt. Sie berichten nur von negativen Themen. Dabei haben wir so viele erfolgreiche Menschen. Je mehr Menschen mit Migrationshintergrund in den deutschen Medien arbeiten werden, desto mehr objektive Nachrichten werden wir bekommen. In Deutschland ist niemand einfach dorthin gekommen, wo er sich befindet. Wenn ich mich beworben habe, haben die Unternehmen, die mich zum Gespräch eingeladen haben gesagt: „Ihr Profil kam uns so exotisch vor und wir wollten Sie kennenlernen. Weil Sie eine Frau sind, Moslemin sind, Rechtswissenschaften studiert haben und türkischstämmig sind. Wir haben noch nie so eine Frau kennengelernt und haben Sie eingeladen, um so eine Frau kennen zu lernen“. Glauben Sie mir, so etwas erleben sie. In solchen Momenten darf man sich nicht beleidigt zurückziehen. Das sind meine Unterschiede und mein Mehrwert. Das sage ich den Jugendlichen, die ich treffe. Denjenigen die Bedenken haben wie „Ich bin Ausländer, mein deutsch ist schlecht, ich werde bestimmt nicht genommen“, erzähle ich von meinen Erlebnissen. Zu meiner Anfangszeit als Ministerin wurde ich von türkischstämmigen Frauen auf der Strasse angesprochen: „sie in dieser Position zu sehen heißt, dass wir es nach 50 Jahren als Türken und als Frauen geschafft haben. Wir haben geweint.“ Die Älteren sagen: „Wir haben es mit viel Mühe irgendwohin gebracht“ und die Jungen denken wenn sie solche Vorbilder sehen: „Wir können es schaffen“.

Sie haben Ende 2011 bekannt gegeben, dass Sie von Neonazis bedroht werden. Werden Sie immer noch bedroht?

Drohbriefe, E-Mails… Wir bewerten welche ernst zu nehmen sind. Wenn an meiner Stelle ein türkischstämmiger männlicher Minister wäre, würde er auch solche Drohungen bekommen. Sie schicken mir solche Mails, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Man muss genau abwägen, ob man Werbung für sie macht, wenn man solche Sachen veröffentlicht. Es ist aber auch schlecht zu schweigen, wenn sie eine bestimmte Grenze überschreiten. Ich denke, dass sie diese Grenze überschritten haben: ich habe schnell gehandelt und es öffentlich erklärt. Es wurde ermittelt und die Person wurde gefunden. Keine Drohung kann mich von meinem Weg abhalten. Vor Todesdrohungen habe ich keine Angst.

Sie sind in Hamburg geboren und aufgewachsen. In Zeiten, in denen es nur ein Traum für türkische Kinder war auf die Uni zu gehen, haben sie Abschluss an der juristischen Fakultät gemacht. Woher kommt ihr Ehrgeiz? Vielleicht daher, dass ihre Eltern weitsichtig sind?

Wir können beides sagen. Ich wurde 1971 in Hamburg geboren. Mein Vater kam 1963 nach Deutschland, meine Mutter kam 1968 zu ihm. Wie bei einem Abenteuer haben sie sich auf den Weg gemacht. Sie hatten in Ankara eine Schneiderei. Eigentlich war ihre finanzielle Situation nicht schlecht. Mein Vater lies sich von den Erzählungen eines Freundes anstecken und  bewarb sich. Die Bewerbung von meinem Vater wurde von der Botschaft angenommen, die von seinem Freund nicht. Mein Vater sagte zu seiner Familie: „Ich denke an eine Reise von drei Monaten“. Er ging und blieb weg. Erst hat er in der Verwaltung der Deutschen Post gearbeitet. Dann hat er mit meiner Mutter zusammen sein eigenes Schneiderei-Atelier in Hamburg gegründet. Mein Vater hat seine eigene Arbeit gemacht und hat mir geraten: „Hab einen Beruf“. Meine Mutter ist auch ein Vorbild für mich. Sie hat mich und meine Schwester in den jungen Jahren schon mindestens einmal die Woche in die Bücherei gebracht.

Wie viele Geschwister haben Sie?

Wir sind zwei Geschwister. Ich habe noch eine Schwester, sie ist eineinhalb Jahre älter. Es ist sehr interessant. Während ich fast Opfer des deutschen Bildungssystems geworden wäre, hat mein Vater meine Lehrer überredet, ich habe das Gymnasium abgeschlossen und bin auf die Universität gegangen. Während wir in Deutschland dieses System diskutieren und uns davon befreien möchten, passiert in der Türkei das Gegenteil und dieses System wird eingeführt. Einige Untersuchungen sagten: „Besonders Jungen sind in den ersten vier Jahren akademisch sehr schwer zu bewerten. Es ist sehr schwierig als Lehrer eine Wertung zu machen“. Vielleicht wird das Kind nach der 5 Klasse sich selbst anders wahrnehmen und sehr fleissig sein? Das System in Deutschland trennt nach vier Jahren die Wege. Die erfolgreichen kommen auf das Gymnasium, die anderen auf die Realschule und dann auf die Berufsschule. Weil Kinder mit Migrationshintergrund Deutschland später kennenlernen ist ihr deutsch in der Grundschule nicht ausreichend. Doch in einigen Jahren können sie erfolgreich sein. Aber mit dem 4+4+4 System ist es zu spät für diese Kinder. Auch zu mir haben die Lehrer gesagt, dass ich auf dem Gymnasium nicht erfolgreich sein würde. Weil mein Vater Elternsprecher in der Klasse war, kannte er das System ganz gut. Er hat mein Zeugnis genommen und hat mit dem Schulleiter des Gymnasiums gesprochen und „Ich möchte das meine Tochter auf dem Gymnasium weiter zur Schule geht, kann sie das mit diesen Noten?“ gefragt. Der Schulleiter hat „Versuchen wir es“ gesagt und ich bin auf das Gymnasium gegangen. Wenn mein Vater sich nicht so sehr dafür eingesetzt hätte, dass ich auf das Gymnasium komme, hätte ich niemals studieren können.

Warum haben Sie die juristische Fakultät gewählt?

Als Kind war ich jemand, der in der Familie viel über richtig und falsch diskutiert hat. Jura war auch während meiner Schulzeit etwas, wofür ich mich sehr interessiert habe. Mit dem Gedanken „Was sind meine Rechte und welche Grenzen kann ich ausreizen?“ habe ich mich immer für meine Rechte eingesetzt. In Deutschland schließt man das Jurastudium in der Regel in sechs Jahren ab. Ich habe das Studium in vier Jahren beendet. Während des Praktikums habe ich im Europäischen Parlament gearbeitet. Danach habe ich festgestellt, dass ich in Wirtschaft begabt bin und habe angefangen bei der Telekom zu arbeiten. Ich war insgesamt acht Jahre dort und habe im Management gearbeitet. Nach acht Jahren habe ich in die Logistik gewechselt. In diesem Bereich hat man sehr viel mit der Politik zu tun. Nach einiger Zeit habe ich, mit den Erfahrungen die ich gemacht habe, mich gefragt: „Willst Du dich immer ärgern? Willst Du immer kritisieren?“. Am Ende habe ich gesagt: „Gut ich gehe in die Politik“. 2004 wurde ich Mitglied bei der CDU.

Haben Sie sich zwischen zwei Kulturen hin- und her gerissen gefühlt?

Nein, habe ich nicht. Ich erziehe meinen Sohn zweisprachig. Wie meine Eltern es auch mit uns gemacht haben. Ich denke, dass meine Eltern dabei hilfreich sind. Viele Familien in Deutschland haben zu ihren Kindern: „Wir wollen Geld sparen und in einigen Jahren zurückkehren“ gesagt. Das hat dazu geführt, dass die Kinder zwischen Kulturen gesteckt haben. Sie können so keine Ziele definieren, sie können keine Pläne machen. Mein Vater hat einmal: „Vielleicht kehren wir zurück, wenn wir Rentner sind“ gesagt. Aber sie sind nicht zurückgegangen. Ich wusste auch, dass sie nicht zurückgehen werden. Meine Familie hat nicht Geld gespart, um zurückzukehren. Mit dem Geld haben sie uns Europa gezeigt. So hat sich auch meine Sichtweise auf Europa geändert. Ich rede manchmal mit Deutschen, es gibt Menschen die noch nie bei ihren Nachbarn in Holland waren. Sie leben mitten in Europa und haben Europa nicht bereist, darüber wundere ich mich sehr.

In der Türkei wurde ein Gesetz zur Verhinderung von Gewalt gegen die Frauen verabschiedet. Gibt es in Deutschland auch Gewalt gegen Frauen und ein Gesetz, um sie zu schützen?

Ja, solch ein Gesetz gibt es. Ich kenne die Hauptpunkte des Gesetzes, das in der Türkei verabschiedet wurde, habe mich aber mit den Inhalten nicht auseinander gesetzt. In Deutschland ist die Gewaltquote gegen Frauen nicht so hoch wie in der Türkei. Als Ministerin in Niedersachsen haben wir für Frauenschutzhäuser ein Budget von 5,5 Millionen Euro. Das sind Häuser, an die Frauen sich wenden und in denen sie bleiben können. Bei der Polizei haben wir Beamte, die pädagogisch geschult wurden. Es gibt 45 Frauenhäuser. Wir diskutieren auch darüber Männer, die gewalttätig werden, Handschellen anzulegen. Aber es ist sehr schwierig so einen Entwurf in Deutschland durchzusetzen. Weil es nicht mit dem Grundgesetz zu vereinbaren ist und die persönlichen Rechte einschränkt, werden wir diesen Entwurf niemals durchsetzen können. Ich möchte die Ergebnisse in der Türkei verfolgen. Ich bin neugierig, ob diese Probezeit die Zahl der Gewalttaten zurückgehen lässt. Während man die Frauenrechte diskutiert, darf man zwei Sachen nicht vermischen. Dieses Thema wird auch in Deutschland debattiert. Frauen und Familien wird immer zusammen genannt. Dabei darf man diese Gewaltgesetze nicht als Familienthema sehen. Natürlich ist die Frau die Säule der Familie, aber Gewalt gegen Frauen ist nicht Gewalt gegen die Familie.

Wie ist Ihre Beziehung zu der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel?

Unsere Beziehung ist gut, aber wir sind sehr unterschiedliche Menschen. Frau Merkel und ich sehen uns nicht oft. Aber als wir uns kennen gelernt haben, hat sie am meisten beeindruckt, dass ich mein Kind zweisprachig erziehe. Die erste Frage die sie mir gestellt hat war: „Was macht ihr Mann beruflich? Wie erziehen Sie ihr Kind?“. Was mich an Frau Merkel beeindruck hat ist, dass sie in Krisensituationen nicht überreagiert und sich nicht von ihren Emotionen treiben lässt. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist wirklich ein sehr rationaler und feinfühliger Mensch.

Das Amt der Ministerin hat Ihnen der ehemaliger Bundespräsident Christian Wulff angeboten.

Ja. 2008 bei den Wahlen in Niedersachsen wurde ich gefragt: „Würden Sie Ministerkandidatin werden wollen?“. Ich habe „Wenn Sie das ernst meinen, würde ich es wollen. Wenn Sie nur Stimmen sammeln wollen, lass ich meinen Namen nicht dafür benutzen“ geantwortet. 2008 zog ich in die Bürgerschaft ein, ich wurde Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses und anschliessend Fachsprecherin für Wirtschaft. Dort habe ich als Abgeordnete zwei Jahre gearbeitet. Herr Wulff hat meine Arbeit verfolgt und kam mit dem Angebot Ministerin zu werden zu mir. Ich habe gesagt: „Ich muss darüber nachdenken“. Für mich hätte sich vieles geändert. Meine Familie würde in einem Bundesland, ich in einem anderen leben. Ich habe um Zeit gebeten und mich mit meiner Familie beraten. In solchen Themen ist die Unterstützung der Familie sehr wichtig. Jetzt leben wir vier Tage in der Woche getrennt. Mein Sohn bleibt beim Vater. Ich wollte ihn am Anfang nicht von seiner Schule wegreissen.

Warum wurden Sie Kandidaten der CDU, einer Partei die distanziert zu Ausländern ist? Wurden Sie deshalb kritisiert?

Die CDU wird sehr falsch wahrgenommen. Ich bin Mitglied in dieser Partei geworden, weil deren Grundsätze und Ideen zu mir passen. Eigentlich hat diese Partei, die distanziert zu Ausländern erscheint, seit 2005 vieles überwunden. Die ersten ernsthaften Arbeiten zum Thema Ausländer und Integration wurden von der CDU gemacht. Ich bin dafür das beste Beispiel. Die CDU war die erste Partei mit einer türkischstämmigen Ministerin.

In 50 Jahren haben sich die Türken in Deutschland integriert. Aber haben sich die Deutschen auch an die Türken gewöhnt?

Das beste Beispiel ist die Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland. Deutsche haben Angst vor Veränderungen. Ihre mangelnde Offensive und ihre Grundsatztreue… Integration ist beidseitig, sie können nicht einseitig denken. Deutsche müssen sich genauso integrieren wie Türken. In Deutschland sage ich das auch zu den Türken. In Deutschland gibt es einen extremen Bevölkerungsrückgang. 25% der deutschen Bevölkerung ist über 60. In sieben Jahren wird jede dritte Person über 65 sein. Deutschland muss gerade im Moment für ausländische Arbeiter noch offener sein. Wenn Deutschland in den nächsten 20 Jahren nicht ernsthaft ausreichend Jugendliche ausbildet und ausländische Facharbeiter holt, wird es eine Rückentwicklung geben.

Detaillierte Post auf SABAH AVRUPA – Die Türkische Tageszeitung.

Link: http://almanca.hukuki.net/die-drohungen-konnen-mich-nicht-abhalten.htm
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