Böse Fatmas leben länger – Kapitel 1: 1977

Kennengelernt habe ich Oma Fatma 1977. Damals war ich neun Monate und sie ungefähr uralt. In einem seitenlangen Brief hatte sie meinem Vater von ihrer fast unheilbaren Krankheit erzählt und die Summe verlangt, die nötig wäre, um ihren frühzeitigen Tod zu verhindern.

Mein Vater war tatsächlich traurig und wollte unbedingt, das seine arme Mutter mich wenigstens einmal sieht, bevor sie von uns geht. Er kaufte sofort teure Tickets und wir flogen in die Heimat. Wenn er gewusst hätte, wie lange Oma Fatma noch leben wird, hätte er uns diesen Stress nicht angetan. Denn damals flog man nicht einfach so in die Türkei. Es fing schon am Flughafen in Hamburg an. Die Maschinen der Turkish Airlines starteten in der Regel und fast schon aus Tradition mit vier, fünf Stunden Verspätung. Die Flugzeuge waren riesige Maschinen: Fünf Sitzplätze links, fünf rechts und circa zwölf in der Mitte. Nach vier Stunden landeten wir am Atatürk Flughafen in Istanbul, brauchten zwei Stunden für die Passkontrolle und Gepäck, fuhren mit einem Taxi zum Busbahnhof Topkapı. Hier warteten wir sechs Stunden auf den nächsten Bus nach Antalya, ja stellen Sie sich vor, damals gab es in Antalya keinen Flughafen. Nachdem wir einen halben Tag durch die anatolischen Berge gerast waren, kamen wir endlich am Mittelmeer an, waren aber noch lange nicht Zuhause. Mit einem weiteren, viel kleineren Bus ging es nach Alanya. Heute ist die Stadt eine Touristenhochburg, damals war sie nur ein Dorf. Eine Hauptstraße, ein paar Häuser, die Ruinen und zwei Hotels. Hotel Ananas und Hotel Bananas. Mit dem Dolmuş ging es dann weiter nach Gazipaşa, der Heimatstadt meiner Eltern. Mein Onkel mütterlicherseits holte uns mit dem Auto ab und fuhr uns nach Macardorf zu meinen Großeltern väterlicherseits.

Oma Fatma und Opa Veli freuten sich sehr, dass mein Vater, also Geld, kam. Meine Mutter wurde keines Blickes gewürdigt. Ich wurde kurz angeschaut. Und, nun ja, kurz angeschaut und nicht gemocht. Überhaupt nicht gemocht. Ich, das bedeutete, dass mein Vater nun eine eigene Familie hatte und nicht mehr genug Geld für seine richtige Familie, seine Eltern, haben würde.

Ohne mich eines zweiten Blickes zu würdigen, behauptete Opa Veli, dass ich auf gar keinen Fall das Kind von meinem Vater sein kein. Für diese Aussage hatte er natürlich als rationaler Mensch eine wissenschaftliche Begründung, die auf der Hand lag: ich war nicht blond wie er. Mein Opa Veli war blond und wurde von allen “sarı Veli“ also “gelber Veli“ genannt. Das meine Eltern, Omas und der andere Opa, sowie der Rest der Verwandtschaft dunkelhaarig waren, spielte überhaupt keine Rolle und galt nicht als Rechtfertigung. Oma Fatma bestätigte ihn mit vollster Überzeugung. Man diskutierte die ganze Nacht, was man mit mir, dem Bastard macht. Man unterstellte meiner Mutter des Öfteren, dass sie mich sicherlich von einem deutschen Hans, einem ostanatolischen Ali hat oder einem russischen Igor hat. Oma Fatma erinnerte meine Mutter auch daran, dass sie als junges Mädchen Miniröcke trug, allein wohnte und Musik gehört hat. Nach Stunden setzte mein Vater sich durch und machte allen klar, dass ich ganz bestimmt seine Tochter bin und es auch bleiben werde. Er verbot auch allen, mich in das Meer zu werfen, das vor der Haustür war oder mich vor einer Moschee auszusetzen. Endlich hörte ich auf zu schreien und schlief.

Aber nicht lange. Ich wurde davon wach, dass mein Opa Veli lauthals seine Geschenke einforderte. In deutscher Mark. Und mein Vater sie ihm nicht freiwillig überreichen wollte. Während Opa Veli irgendwie um seine Geschenke bat, nahm sich Oma Fatma ihre einfach. Sie durchwühlte unser Gepäck und schaute, was sie von den mitgebrachten Sachen gebrauchen konnte und das war fast alles.

Weil mein Vater zu blöd war um die deutsche Mark einfach von der Straße zu sammeln und seinen Eltern mitzubringen, schmissen uns Opa Veli und Oma Fatma raus. Da standen wir nun: Ich, mein Vater, meine Mutter und nur eine Tasche mit einigen Windeln, Babynahrung sowie ein paar Klamotten von mir.

Mein Onkel, der als einer der wenigen Menschen in der Stadt ein Auto besaß, holte uns ab und fuhr und zu meinen Großeltern mütterlicherseits. Opa Izzet war ein arabischer Adeliger, wie der Zusatz in seinem Namen “ağaoğlu“ auch betont. Dieser Namenszusatz sorgte bei Opa Veli von Zeit zu Zeit für heftige Eifersuchtsanfälle und verführte ihn zu derben Schimpftiraden. Mein Opa Izzet wurde während des osmanischen Reiches im heutigen Saudi-Arabien geboren. Weil er der zweite Sohn der Familie war, erbte er nichts und musste studieren. Er wurde Ingenieur bei der staatlichen Eisenbahn, blieb in der Türkei und heiratete das Waisenkind Ünzile, meine Oma.

Opa Izzet war ein Intellektueller. Er interessierte sich für Gott und die Welt, diskutierte über Politik, philosophierte über alles und war ein Gentleman durch und durch. Er stand jeden morgen früh auf, zog seinen Anzug an, trank Tee und las dabei alle Zeitungen, die auf der Welt erschienen. Dann setze er seinen Hut auf und ging in die Stadt, um sich dort mit anderen klugen Männern zu unterhalten.

Meine Oma Ünzile war genau das Gegenteil: Eine Bäuerin. Zwar stand sie auch jeden morgen früh auf, zog aber eines ihrer hässlichen Kleider an, trank Tee und ging auf dem Feld arbeiten. Zwar gehörte ihre Familie mit unendlich viel Land und hunderten von Arbeitern zu den größten Gutsbesitzern der Umgebung, aber sie konnte nicht anders. Die Sommer verbrachte sie auf dem Familiengut – mit ihren Kühen Ala und Benli, einigen Hühnern, Hunden und kümmerte sich um die Apfel- und Orangenplantagen, pflanzte Paprikas, Auberginen, Tomaten und Mais an, erntete Walnüsse, Oliven und Pflaumen. Ich bin mir sicher, dass jede einzelne Pflanze, jede Frucht einen Namen von ihr bekam. Sehr sicher. Im Gegensatz zu Opa Izzet war Oma Ünzile froh, wenn niemand mit ihr redete. Sie hasste Gespräche, Unterhaltungen, Kommunikation. Das alles hielt doch nur von der Arbeit ab. Froh war sie nur, wenn alle arbeiteten, vor allem sie selbst.

Oma Ünzile und Opa Izzet schauten mich auch nur kurz an und nun ja, sie schauten mich kurz an. Opa Izzet erkannte sofort, dass ich weder Nietzsche noch Kant gelesen hatte und dass man mit mir keine tiefgründigen Gespräche führen konnte. Oma Ünzile sah, dass ich  nicht in der Lage war, auf dem Feld zu arbeiten. Sie ignorierten mich weitestgehend, aber da sie mich weder aussetzen wollten noch beschimpften beschloss ich sie zu meinen Lieblingsgroßeltern zu erklären.

Insgesamt blieben wir drei Wochen in der Türkei. Opa Veli lauerte meinem Vater immer wieder in der Stadt auf und beschimpfte ihn vor allen Menschen, je mehr Menschen zusahen, desto dramatischer wurde er. Oma Fatma besuchte uns bei Oma Ünzile. Sie kam immer mit drei Eseln, die sie mit Säcken aus Oma Ünziles Vorratslager vollpackte. Sie begründete dies damit, dass ihr Sohn meinen Großeltern mütterlicherseits bestimmt Geld gegeben hat. Man hielt einfach den Mund und ließ sie klauen. Es geht das Gerücht um, dass Oma Fatma mich bei einem ihrer Besuche auf den Arm genommen hat. Sie soll mich sogar mit verzogener, angeekelter Miene genau angeschaut haben. Dann wäre etwas fatales geschehen, was bezeichnend für unsere zukünftige Beziehung war: Ich habe sie gebissen. Mein Vater musste dafür bezahlen: Horrende Arztkosten und Schmerzensgeld.

Detaillierte Post auf SABAH AVRUPA – Die Türkische Tageszeitung.

Link: http://almanca.hukuki.net/bose-fatmas-leben-langer-kapitel-1-1977.htm
Artikel: Böse Fatmas leben länger – Kapitel 1: 1977
Dieser Beitrag wurde unter Nachrichten abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*