Arbeitest du noch oder stehst du schon auf der Straße?

IKEA plant Abbau von 3.500 Stellen in Europa

Sidar Carman

Wir betreten das blau-gelbe Einrichtungshaus, das nur wenige Kilometer von Stuttgart entfernt ist. Wer kennt den Werbespruch nicht, der jährlich Millionen von Menschen ein Hauch von Wohlfühl-Gefühl suggeriert. Nun ja, spätestens an der Kasse wird dieses warme Gefühl meist ausgekühlt, wenn der Preis am Display erscheint und abgerechnet wird. Wohnst du noch oder lebst du schon? Mit diesem Werbespruch hat IKEA eine ganz bestimmte Verkaufsstrategie und Kommunikation mit seinen Kunden entwickelt. Von Nordnorwegen bis Australien, von Kanada über Kuwait nach Japan, insgesamt in 41 Ländern, schleust Ikea seine Kunden durch 338 Filialen. Doch diesmal stehen wir nicht bei IKEA, weil ein Umzug ansteht oder weil wir einfach nur so mal durch die Gänge schlendern wollen, um dann mit einigen unnötigen Dingen nach Hause zu fahren. Der Betriebsrat des rund 400 Arbeitnehmer großen IKEA Einrichtungshauses im ver.di Bezirk Stuttgart hat uns zu seiner Betriebsversammlung eingeladen. Wir werden durch den Personalbereich geführt und werden von den Beschäftigten der Frühschicht freundlich begrüßt.

Doch die gute Stimmung trügt. Der schwedische Konzern plant eine tiefgreifende Umstrukturierung unter dem Namen „Business Transformation“. Es ist die IKEA´nische Antwort auf Digitalisierung. Die Veränderungen in den Einrichtungshäusern sind beschlossene Sache. Doch Informationen darüber, wie die Business Transformation bei IKEA genau von statten gehen soll, erhalten die Beschäftigten nur scheibchenweise. Die Konzern- und Unternehmensleitungen haben bereits angekündigt, für das Online-Geschäft mehr Logistik- und Lagerfläche mit billigen Arbeitskräften in den Häusern bereitzustellen, am besten ausgegliedert Outsourcing und mit Einsatz von billigen Arbeitskräften aus Sub- und Leihfirmen. Gleichzeitig wurde ein Personalabbau von bis zu 3.500 Stellen in Europa angekündigt. Die Gewerkschaft ver.di wird in den laufenden Tarifverhandlungen über Lohn und Gehalt eine Unterschriftenkampagne starten, um sich mit den Beschäftigten bei IKEA zu solidarisieren. In den Einrichtungshäusern organisiert sich ein anfänglicher Protest und Ansätze betrieblicher Gegenwehr. So trafen sich vor wenigen Wochen Betriebsräte aus allen Häusern in Baden-Württemberg, um sich zu vernetzen und eine gemeinsame Strategie gegen den geplanten Abbau von Arbeitsplätzen zu entwickeln.

Die Betriebsversammlung beginnt. Wir hören den Berichten des Betriebsrats zu. Seine Worte an die Kolleg*innen sind klar und entschlossen. Die Zukunftspläne des Arbeitgebers legen Stück für Stück die Interessensgegensätze zwischen ihnen und den Beschäftigten offen. Das Bild der „IKEA Familie“ bröckelt und uns wird bewusst, dass es keinen Schaltknopf gibt, der bei den Beschäftigten von jetzt auf gleich das Bewusstsein aktiviert, dass der Arbeitgeber kein Familienmitglied ist und nicht dieselben Interessen wie ihre haben. Ihre Emanzipation entwickelt sich durch die Auseinandersetzung mit den gegensätzlichen Zielen und Interessen. In der Betriebsversammlung bekommen wir eine kleine Momentaufnahme ihrer ersten Anfänge zu begreifen, dass der Arbeitgeber „nichts Gutes“ plant und sie dagegen dringend etwas unternehmen müssen. Dafür braucht es Solidarität, für das die Betriebsräte entschlossen einstehen und in ihren Redebeiträgen unterstreichen. Einen Auszug möchten wir hier wiedergeben – mit ausdrücklicher (!) Einwilligung des IKEA Betriebsrats:
„IKEA verkauft die geplante Zukunft im digitalen Zeitalter nach außen ausschließlich positiv, lässt aber nahezu alle Fragen, die Arbeitsplätze des einfachen Mitarbeiters fast vollständig unbeantwortet. Bezogen auf die Befürchtungen der BR, dass der Einzelhandel, wie wir sie heute kennen, in Zukunft reine Logistikzentren und die Mitarbeiter billige Hilfskräfte werden, wird immer behauptet, das ginge ja alles gar nicht so einfach. Das ist eine glatte Lüge! Jeder halbwegs Sachverständige weiß zwei entscheidende Dinge: Diese schlichten Rehgipswände in sogenannten Trockenbauten sind innerhalb kürzester Zeit dermaßen eingerissen, umgestaltet und neu gesetzt, dass ein Möbelhaus in weniger als 1 Woche zur Lager- oder Fabrikhalle umgestaltet werden kann. Problemlos! Zweitens, Die unternehmerische Freiheit einer Konzern- oder Unternehmensleitung geht sehr weit. Problemlos können Hunderte Änderungskündigungen ausgesprochen, neu entstandene Arbeitsplätze nach völlig neuen Anforderungsprofilen ausgeschrieben und die Mitarbeiter, die durch das Raster fallen, letztlich betriebsbedingt gekündigt werden. Aus einer Änderungskündigung wird eine Beendigungskündigung. (…) Es geht u.U. auch um die Frage, ob der bisherige Arbeitsplätze an ein Subunternehmen abgegeben wird und der Mitarbeiter ähnliche oder „niedere“ Tätigkeiten im selben Haus, aber unter einem anderen Firmennamen leistet. Vielleicht geht es auch gar nicht mehr um die Frage, ob man IKEA noch in gelb oder blau arbeitet, sondern ob das Logo noch IKEA ist oder von der Leiharbeitsfirma Geiz & Co. KG.

Wir Betriebsräte aus den Südhäusern sind bei unseren Treffen der Erkenntnis gelangt, dass es von immenser Bedeutung ist, dass wir uns noch stärker vernetzen
dass wir einheitlich und mit geballter Kraft, sowie mit enormen Fachwissen auftreten müssen. Der GBR braucht unsere volle Rückendeckung und wir BR brauchen die Rückendeckung unserer Kollegen
Dass sie verhindern müssen, dass man uns spaltet. Denn der Unternehmensleitung würde am besten gefallen, dass die Betriebsräte in ihrer Vorgehensweise uneinig sind und es Zwist zwischen den Mitarbeitern und dem BR gibt. In einige Häusern werden BR durch die Unternehmensleitung bereits als Lügner und Panikmacher diffamiert.

All die Werte, die IKEA in frühen Zeiten vermittelt und verkörpert hat, geraten überdeutlich in den Hintergrund, machen wir uns nichts vor. Allen, die seit 10 oder mehr Jahren im Unternehmen sind, ist völlig klar, dass das Familiäre, das ja wirklich mal existent war, fast völlig von der Bildfläche verschwunden ist. IKEA geht sogar recht ehrlich damit um, wenn gesagt wird, dass man an die Gelder derzeit für die geplante – eigentlich schon laufende – Umstrukturierung braucht.

Kurz meine vorgezogene Antwort auf den möglichen Einwand, es sollen doch auch 11.000 neue Stellen geschaffen werden: wie wir heute wissen, beziehen diese sich hauptsächlich auf den asiatischen Raum und die großen Expansionspläne dort. Ihr seht also: IKEA ist großartig darin, Halbwahrheiten als eine ganz tolle Sache zu verkaufen. Und so nehme ich mal ein Unwort in den Mund: Wir werden als BR blockieren. Wir werden den großen Umbruch nicht verhindern, das ist uns klar, aber wir werden so lange ausbremsen, bis man uns als Vertreter und Wahrnehmer eurer Interessen und Rechte endlich so ernst und mitnimmt, dass wir auch eine faire Chance haben, für euch, für uns alle eine faire Lösung hinzubekommen. Wir kämpfen um nicht mehr und nicht weniger als unsere berufliche Zukunft und damit letztlich um unsere Existenz!

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