„Wir haben Elemente, die bei den Rechten zuhause sind, mitgepflegt“

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Wir haben mit Prof. Dr. Wolf-Dietrich Bukow von der Uni-Siegen über seine Einschätzungen über die PEGIDA-Demos gesprochen. Er arbeitet seit langem an den Themenfeldern Minderheiten, Migration und Rassismus.

Wie schätzen Sie die PEGIDA-Demonstrationen ein?
Was man jetzt Im Moment erlebt, ist erstaunlich. Wir hatten in den letzten Jahren auf einem relativ ausgeprägten Niveau überall rassistische Aktivitäten gesehen, aber so stark wie es jetzt hoch gekocht ist, war es lange nicht. Man fragt sich also, wie kommt es dazu, dass vor allem in den neuen Bundesländern so viele Menschen auf die Strassen gehen. Es ist sicherlich so, dass durch die Krisen weltweit und durch die zunehmende Dynamik der Fluchtbewegung die Bevölkerung schon genauer wissen will, was los ist. Und dann ist die Frage, ob die Medien sie wirklich gut informieren oder ob nicht alte Vorurteile hochkochen. Auch die Islamfeindlichkeit tritt vermehrt auf und das ist ein Hinweis für ganz massive Vorurteile. Denn kaum jemand, vor allem in den neuen Bundesländern, weiß überhaupt etwas vom Islam. Also muss man genauer hinschauen und muss sich fragen, wie kommt diese starke Mobilisierung zu Stande. Denn die ist ganz typisch für die östlichen Bundesländer. Hier in den alten Bundesländern gibt es natürlich auch Aktivitäten, aber so ausgeprägt sind sie eigentlich nicht.

Die Aktivitäten z.B. in Köln haben mit den „Hooligans gegen Salafisten“ angefangen und sich dann als eine Demonstration der Patrioten geformt.
Es ist zweifellos so, dass vor allem Mitglieder aus den rechten Parteien aktiv geworden sind. Die Parteien haben einen Weg gefunden, ihre Aktivisten zu mobilisieren und andere Leute, die mit den rechten Parteien erst einmal gar nicht organisatorisch verbunden waren, einzubeziehen. Das ist ihnen gelungen, in dem sie die ganzen Aktivitäten und die Feindbilder globalisiert haben. Wir haben also ein globalisiertes Deutungsmuster vor uns. Da werden Traditionen wie Islamfeindlichkeit und ein global ausgerichteter Rassismus verstärkt verbunden. Im Rahmen der Globalisierung und im Rahmen der Medien gibt es neue Möglichkeiten, Personen zu erreichen die man vorher nicht erreichen konnte. Das Ansprechen dieser Personen ist durch Medien wie Facebook einfacher geworden und das gab es früher nicht.
Warum sind in Ostdeutschland die Demonstrationen so viel stärker besucht?
Im Grunde gibt es zwei Punkte. Das eine ist, dass wir in Deutschland schon lange eine Tendenz haben, nationale Bewegungen oder nationale Ideen stark zu machen. Das heißt, wir haben von Anfang an eine Art Lebenslüge in Deutschland, die eben heißt, „Deutschland den Deutschen“ aber wir wissen, dass das nicht stimmt, es hat nie gestimmt und wird auch nie stimmen. Der zweite Punkt ist, dass wir durch die neuen Medien viel stärker mit weltweiten Konflikten konfrontiert sind. Wenn wir jetzt im Internet die Brutalität verschiedener Gruppen wie Boko Haram sehen, kann man auf zwei verschiedene Arten reagieren. Entweder kann mit Sympathie für die unterdrückten Menschen zeigen in dem man sich mehr solidarisiert und mithilft oder aber sich von dieser Gewalt anstecken lässt. Ich glaube, dass die rechten Bewegungen nicht mit Sympathie für die unterdrückten Menschen reagieren, sie reagieren erst einmal mit „Wenn die Gewalt ausüben, wollen wir deren Konflikte mit Gewalt hier raus haben“. Das ist ein sehr einfaches und schlichtes Weltbild. Das spielt eine Rolle, denn viele Menschen machen sich sorgen und sind nicht genug informiert und wenn sie rechte Gruppen sehen, die scheinbar was dagegen machen, entwickeln sie Sympathien für diese. An den Demonstrationen sind viele Menschen beteiligt, viele aus dem Bürgertum, von denen wir denken, dass sie sind gut informiert seien, aber das sind sie eben nicht. Es wird in den Medien zu wenig über die Situation in den Ländern und über die Konflikthintergründe berichtet. In dieser globalisierten Welt muss man sich einfach informieren. Wir haben die Medien, die uns richtig informieren könnten und sie müssten dieser Aufgabe auch nachkommen. Das einzige Mittel, das wir haben, ist, dass wir mit den Menschen reden können, ihnen erklären, um was es wirklich geht und wir dürfen nicht populistisch reagieren, wie es jetzt die CSU in Bayern gemacht hat.

In Dänemark, Holland und anderen europäischen Ländern gibt es starke antiislamische Bewegungen. Denken sie, dass diese Demos auch in Deutschland zu einer bestehenden Bewegung werden?
Diese rechten Strömungen basieren eigentlich im Kern einer modernisierten radikalen alten Tradition. Wir haben in Deutschland eine ausgeprägte rechte Tradition, die ist nicht neu, die gab es schon immer, auch schon vor dem zweiten Weltkrieg. Die Frage ist nur: Lässt man dieses Gedankengut groß werden und wie setzt man sich mit ihr auseinander? Man kann sagen, dass rechten Gruppierungen mal stärker mal schwächer werden, aber es ist doch auffallend, dass unsere Parteien gegenüber den rechten Strömungen länger zurückhaltend waren und sogar Elemente von ihnen übernommen haben. Das heißt, man hat sich im Verlauf der ganzen Jahre zu wenig mit diesen Bewegungen auseinander gesetzt, man hat viel zu viel Verständnis für diese entwickelt und man hat viele Elemente, die bei den Rechten zuhause sind, mitgepflegt. Wenn jetzt nicht mehr dagegen getan wird, können sich diese rechten Strömungen dauerhaft etablieren. Meine Furcht ist, dass sich die Rechten europaweit zusammenschließen.

Sind diese Bewegungen eine vorübergehende Aktion oder bringen Sie es zu einer Beständigkeit?
Das Problem ist, dass wir bereits intern differenzieren: Hier sind die Altansässigen, da sind die Einwanderer. Das sind aber Menschen, die hier leben, die gehören zusammen und erst wenn diese gemeinsam eine Diskussion führen, können wir uns gegenseitig besser informieren. Doch in diese Diskussion muss man die Einwanderer mit einbeziehen. Wenn dies nicht passiert, wenn nicht gemeinsam diskutiert wird und Einwanderer schlicht ignoriert werden, überlässt man die ganze Debatte den Rechten.

Parteien, die diese Aktionen unterstützen, wie die AfD, gewinnen immer mehr Wähler. Wie bewerten sie dies?
Ich bin mir nicht sicher, ob die AfD langfristig Chancen hat, dafür ist sie ein zu bunt gewürfelter Haufen und man muss sehen, dass die AfD angetreten ist, um vor allem wirtschaftliche Interessen zu vertreten. Aber das, was sie macht, wenn sie polemisch ist, wenn sie hetzt und rechte Gruppen unterstützt, schadet sie ganz massiv dem Wirtschaftsstandort, denn mit solch einer Einstellung kann man nicht global handeln. Populistisch wird sie kurzfristig Erfolg haben aber langfristig wird sie dafür abgestraft werden.

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